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Wie türkisfarbene Kuppeln meinen Horizont sprengten

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • 22. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Registan in Sarmakand
Der Registan-Platz in der usbekischen Stadt Samarkand

Manchmal hilft der Blick in eine "andere Welt", um eigene Vorstellungen in Frage zu stellen.

Vor meiner Reise nach Usbekistan hatte ich ein Bild im Kopf. Eines, das ich mir selbst gemalt hatte, gespeist aus wenigen Berichten und meiner ureigenen Vorstellung von diesem Teil Zentralasiens. Ich war mir sicher, dass dort an vielen Stellen Unterstützung – Entwicklungshilfe, Expertise, gute Ratschläge – gebraucht würde. Wohlmeinend? Nein, eher ignorant und arrogant.


Gut, dass mich der Flughafen Taschkent schon bei der Landung eines Besseren belehrte. Auf dem langen Weg von der Landebahn zum Terminal sah ich als Erstes Leuchtreklame für chinesische Elektroautos und eine moderne Skyline. Das Flughafengebäude selbst präsentierte sich "aufgeräumt modern" statt, wie erwartet, "post-sowjetisch verstaubt". Mein Koffer wartete bereits auf dem kreisenden Gepäckband, als ich die voll elektronische Einreise-Kontrolle passiert hatte. Da mutete es fast antiquarisch an, dass ein Grenzbeamter einen Stempel in meinen Reisepass drücken musste.


Draußen die nächste Überraschung: Ira, unsere Reiseleiterin. Herzlich, quirlig, zugewandt und zupackend. Vom ersten Moment an war klar: Die Frau hat das Herz am rechten Fleck. Und unsere Tour wird, schon dank dieser wunderbaren Reiseleiterin, eine gute werden. Der Busfahrer grüßte, trotz der späten Nachtstunde, überaus freundlich. Er lud uns ein, Platz zu nehmen, während er sachkundig Tetris mit den Koffern im Laderaum seines nagelneuen Minibusses spielte. Zur Sicherheit wartete ich, bis auch mein Gepäck verstaut war – man weiß ja nie.


Nach zwei Tagen wusste ich: Dieses „man weiß ja nie“ wusste vor allem eines nicht – nämlich, worüber es sprach!


Die nächsten Tage sorgten für weitere Risse in meinem Bild. Taschkent ist größer, grüner, moderner und überhaupt nicht so chaotisch, wie erwartet. Die Metro eine Augenweide, preiswert, pünktlich und tipptopp sauber. Überhaupt die Sauberkeit – augenfällig, überall in der Stadt. Ständig wird gefegt, gekehrt und mit Wasser gereinigt. Papierschnipsel, Plastiktüten oder Zigaretten auf der Straße? Fehlanzeige. Stattdessen blühende Pflanzen an den Straßen, lauschige Parks und entspannte Menschen, die fröhlich plaudernd ihren Weg gehen.


Usbekistan entfaltete sich vor mir wie ein gut gehütetes Geheimnis. In Samarkand spazierte ich staunend durch den Registan, dessen türkisfarbene Kuppeln in der Herbstsonne leuchten. Ich stand zwischen Touristen aus Korea, Backpackern aus Frankreich, Pilgern aus Indonesien und einer Familie aus Kasachstan, die mich lachend in ihr Foto zog. Ohne dass wir eine gemeinsame Sprache brauchten.


Die Menschen sind neugierig, offen, warm. Vor allem aber vermitteln sie Zuversicht!

Ein Wert, der mich überraschte und den ich bei uns vermisse.


In Buchara erzählte mir ein junger Mann, was Usbekistan mit China verbindet: Infrastruktur, Handel, Technologie. Ich nickte – und dachte an die Ängste, die bei uns gepflegt werden: Abhängigkeiten, politische Risiken, einseitige "Partnerschaften". In Usbekistan nutzt man, was man braucht. Siehe die elektrischen Autos, Mofas und Lastkarren – alle aus China. Und?


Am Abend, im weichen Bett liegend, fragte ich mich: Wer sagt, dass unser Blick der richtige ist? Vielleicht ist Pragmatismus klüger als Ideologie. Vielleicht funktioniert Fortschritt an anderen Orten einfach anders – und trotzdem gut.


Dann die Videoüberwachung: flächendeckend, unübersehbar. In Deutschland wird dagegen protestiert, wird sich in kollektiver Empörung eingerichtet. Doch dort, in den engen Gassen von Chiwa, fühlte es sich anders an. Die Menschen wirken entspannt, ich war es auch. Als wäre Sicherheit hier nicht der Feind der Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Vielleicht, dachte ich, hängt Freiheit davon ab, wie Geschichte sie geformt hat. Und vielleicht muss man nicht alles, was man selbst kritisch sieht, automatisch für andere ablehnen.


Je länger die Reise dauerte, desto klarer wurde mein Bild von diesem wunderschönen Land. Meine vorgefertigten Meinungen und Vorurteile wurden weniger. Oder ich einfach offener und ehrlicher?


Am letzten Tag saß ich in einem Café in Nukus und beobachte junge Leute: Sie arbeiteten an Laptops, machten Selfies, tranken Kaffee und lachten. Ich denke: wie bei uns auch. Der Kellner fragte nach meiner Herkunft. „Deutschland“ sagte ich. Er grinste: „Ah, gutes Land. Aber streng.“


Ich lachte.

Er traf damit wohl mehr, als er ahnte.


Beim Start des Flugzeugs war mir klar: Ich würde veränderte Gedanken mit nach Hause nehmen. Ich hatte viel gelernt – über Usbekistan. Und über mich selbst.


Wie schnell wir zu wissen glauben, was andere brauchen.

Wie rasch wir Kategorien verteilen: entwickelt, entwicklungsbedürftig, modern, rückständig, frei, unfrei. Und wie selbstverständlich halten wir unsere Perspektive für die einzig richtige.


Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch‘ kleinen Platz man in der Welt besetzt.*

Gustave Flaubert



Ja, Reisen bildet. Und es macht (einen) mich bescheiden. Es rückt zurecht, überschreibt, stellt Fragen – wo vorher Antworten standen.


Diese Reise nach Usbekistan lehrte mich, mal wieder: Nicht alles, was ich denke, ist die Wahrheit. Vielmehr prägen subjektive Interpretationen, limitierende Glaubenssätze oder automatische Reaktionen manche Bilder im Kopf.


Die türkisfarbenen Kuppeln des Registan haben nicht nur den Himmel über Samarkand erweitert – sondern auch meinen Horizont. Was ich für Leere gehalten hatte, ist Raum. Was ich für Einfachheit hielt, ist einfach ein anderer Weg. Und was ich für Sicherheit und Freiheit definiere, ist nur eine von vielen Möglichkeiten.



*Vergangene Woche flatteterte eine Brochure von Taruk-Reisen auf meinen Tisch. Darin enthalten: Tolle Reiseimpressionen und das oben genutzte wunderbare Zitat. Es inspirierte mich sofort zu dieser kleinen Geschichte, die versucht, meine Wahrnehmung, die erlebte Veränderung und meinen Dank dafür zum Ausdruck zu bringen.






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2 Kommentare

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Gast
vor 3 Tagen

Liebe Anne, 💕lichen Dank für deine klugen Gedanken und Worte. Ja, Reisen bildet, wenn Frau es zulässt. Und, wie Flaubert so treffend sagte: Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch‘ kleinen Platz man in der Welt besetzt.

Das hat für mich auch ganz viel mit der Fähigkeit zu tun, eigene Meinungen und Haltungen zu hinterfragen und neue zu bilden.

Liebe Grüße Christine

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Anne Niesen
vor 3 Tagen

Liebe Christine, oh ja, wir müssen unsere Welten verlassen, um unsere zu oft für "wahr" gehaltenen Perspektiven als solche begreifen zu können. Und noch mehr: Sie in Frage zu stellen oder von- und miteinander zu lernen. Reisen bildet (leider) nicht automatisch: Denn oft interpretieren wir das, was wir da erfahren ja aus unserer eigenen Prägung heraus und wissen nicht, was es in einem so anderen Kontext bedeuten könnte. Aber ganz sicher: Uns überraschen lassen, unsere eigenen Stereotypen erkennen, mit offenem Herzen und Hirn das Neue erfahren, unsere eigenen Wertungen und Bewertungen zu "überführen" - das ist die Welt, in der ich leben möchte. Das geht ja schon im ganz Kleinen, im eigenen Umfeld. (Es ist übrigens bewiesen, dass "einfach" auf…

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