# WMDEDGT: Warten zwischen Kuchen und Hoffnung
- Christine Ubeda Cruz

- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Es ist ein Donnerstag im Februar und ich merke, ich brauche Kuchen. Denn wo Kuchen ist, da ist auch Hoffnung. Und die brauche ich. Ganz dringend.
Als Hoffnung (lateinisch spes, griechisch elpis) bezeichnet man die zuversichtliche Erwartung, dass etwas Positives geschieht – auch wenn es darüber keine Gewissheit gibt.*
Warten auf eine Herzoperation
Hoffnung habe ich. Diese Erwartung, dass etwas geschehen wird. Ohne jede Gewissheit, wie es ausgehen wird. Denn – und das ist fast nicht auszuhalten – ich bin hilflos. Ich habe keinen Einfluss. Und warte auf den guten Ausgang einer Herzoperation. Mein Körper weiß das längst: Er spannt sich an, als müsste er etwas festhalten, das mir längst entglitten ist. Ich bin auf das Können und Tun anderer angewiesen.
Kuchen, Überforderung und das Nervensystem
Also esse ich Kuchen.
Atemlos. Emotionslos. Automatisch schaufle ich Teig, Sahnecreme und Frucht in mich hinein. War das nun Himbeere, Schoko oder Pistazie? Hat es gut geschmeckt? Und wonach eigentlich? Keine Ahnung. Ich bin zwar da, aber nicht hier.
Eine olfaktorische Belästigung aus Raucherjacke und Schneeregen katapultiert mich unbarmherzig zurück. Ins Hier. Und das Hier ist laut. Viel zu laut. Die zischende Kaffeemaschine, Geschirrgeklapper, Erzählungen am Nachbartisch über Krankheits- und Operationserlebnisse – all das überfordert mein ohnehin angeschlagenes inneres System. Mit einem Schlag weiß ich: Das halte ich keine Minute länger aus.
Das war’s. Das mit dem Kuchen und der Hoffnung.
Draußen stehe ich zitternd in der Kälte. Tränen laufen über meine Wangen. Mutlos schleppe ich mich zurück in meine Bad Nauheimer Unterkunft. Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, sinke ich kraftlos aufs Sofa. Endlich Ruhe. Tiefe Ruhe um mich herum. In mir? Ein lautes Inferno.
Plötzlich bricht ein Schluchzen aus mir heraus. Schüttelt meinen schmerzenden Körper, vernebelt Augen, Herz und Hirn.
Ich greife nach einem Taschentuch, wische die Tränen weg und atme tief aus. Sofort meldet sich der Gedanke: Nützt ja nix, die Heulerei. „Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben“, sage ich mir. Es klingt streng. Aber es hält mich aufrecht. Ich richte die schmerzenden Schultern neu aus und beginne zu schreiben.
Schreiben als Halt in der Krise
Schreiben sortiert mich. Also meine wirren Gedanken. Und tatsächlich springt der Hoffnungsreflex fast automatisch an. In einem Zeitungsartikel lese ich, dass die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast Hoffnung als große Konstante des Seelenlebens beschreibt – als nie weichende Ressource. „Ich halte Hoffnung für die Grundemotion des Lebens und den natürlichen Feind der Angst“, sagt sie. Selbst Sterbende hoffen noch. Hoffnung, schreibt Kast, weicht nie ganz – auch nicht unter Angst, Unsicherheit und Düsternis. Man kann sich auf sie verlassen.
Müde stütze ich den Kopf in beide Hände. Wieder tropfen Tränen in die Tastatur, in meine Angst, in meine ohnmächtige Hilflosigkeit.
Doch dazwischen mogelt sich ein Gedanke: Hoffnung alleine reicht nicht.
Von irgendwoher drängt sich das Wort Zuversicht in meine grauen Zellen. Ich kaue darauf herum, zerlege es und stoße auf die „Sicht“ – die Fähigkeit zu sehen, den Ausblick, die Betrachtungsweise. Etwas klickt in mir. Ja. Es geht um meine Sicht auf die Dinge. Zuversicht ist eine meiner grundlegenden Haltungen. Gerade liegt sie im Nebel, meine Zuversicht. Aber ich kann sie schon schemenhaft erkennen. Sie ist da.
Warten in Bad Nauheim – #WMDEDGT
Heute, am fünften Tag eines neuen Monats, lädt #FrauBrüllen unter dem Hashtag #WMDEDGT – was machst du eigentlich den ganzen Tag? dazu ein, genau das aufzuschreiben.
Nun willst du wissen, was ich heute wirklich gemacht habe?
Ich habe meine heiß geliebte Wohnung temporär gegen ein Appartement in Bad Nauheim getauscht.
Ich kann nicht schlafen.
Mein Nervensystem ist am Anschlag – oder schon darüber.
Ich habe eine Scheiß-Angst.
Ich sitze im Café und esse wunderschöne Torte. Lustlos.
Die Warterei macht mich wahnsinnig.
Ich schreibe, um mich von der quälenden Angst abzulenken.
Die große Herzoperation war erfolgreich. Sagen die Ärzte.
Ich habe es gewusst.



















Liebe Christine, es freut mich sehr, dass die Operation gut verlaufen ist!