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Zwischen Schnitt und Satz

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit
Isa Genzkens "Pink Rose" - eine etwa 7 Meter hohe pinke Rose die in den Himmel ragt
Isa Genzkens „Pink Rose“

Täglich verschwindet die Sonne ein wenig früher hinter dem kleinen Siedlungshaus. Lange Schatten zeichnen verzerrte Bilder auf Gehweg und Straße des ruhigen Vorortes. Noch immer recken sich betörend duftende Rosen der schwächer werdenden Herbstsonne entgegen. Unzählige Bienen umschwirren dicke Lavendelbüsche und sammeln eifrig Nektar. Hortensien, zartrosa und weiß, wiegen sanft im lauen Wind vor Haus Nr. 26. Die Rosen- und Lavendel-Idylle zeichnet einen zarten Rahmen vor dem Gebäude. Eines, wie es hier in der Straße ganz typisch ist. Nicht zu klein, nicht zu groß. Vier Fenster zur Straßenseite, die Haustüre an der Seite. Erdgeschoss und erste Etage werden von einem grauen Schieferdach gekrönt. Rotbraune Streifen zeichnen eine feine Linie um die dreiflügeligen Fenster des ansonsten weiß gestrichenen Hauses. Das gesamte Arrangement zeugt von einem mit stolzer Liebe gepflegten Eigenheim.


Hier wohnt Bärbel. Ben wohnt auch hier. Aber das ist eine andere Geschichte.


Bärbel hat eine feste Meinung. Sie ist sich ziemlich sicher, alle Vorlieben des drolligen Goldendoodle von gegenüber zu kennen. Aber auch die, ihrer Meinung nach merkwürdigen, Gewohnheiten der Schmidts, zwei Häuser weiter. Sie sieht, dass Carmen schon wieder mit neuer, schicker Kleidung das schräg gegenüberliegende Haus verlässt, und denkt, dass diese ihr Geld ständig nur für neue Klamotten ausgibt. Sie ist überzeugt, dass ihr Nachbar rechts, der Steuerberater, jede Lücke im Steuerrecht ausschließlich zu seinen eigenen Gunsten nutzt. Und überhaupt: Die Familie links bräuchte eigentlich gar kein Haus, da sie ohnehin ständig mit dem Camper unterwegs ist. Bärbel hat zu allem eine Meinung. Und teilt diese auch gern.


Wenn sie jedoch, mit Kniepolstern geschützt, auf dem Boden ihres Vorgartens herumrobbt, schweigt sie. Dann schneidet sie die verblühten Rosen etwa einen halben Zentimeter oberhalb eines nach außen zeigenden, voll entwickelten Blattes mit fünf Blättchen zurück. Sie weiß, dass so die Bildung neuer Blüten begünstigt wird. Ganz bewusst setzt sie den Schnitt leicht schräg an, damit Regen- und Gießwasser gut ablaufen kann. Die sich langsam verfärbenden Hortensien lässt sie stehen. Denn nur wenn diese nach den starken Frösten, kurz vor dem Austreiben im beginnenden Frühjahr, gestutzt werden, bilden sich erneut wunderbare Blüten. Mit Pflanzen kennt Bärbel sich aus. Da nutzt sie ihr fast unerschöpfliches Wissen. Und schweigt.


Wenn sie, mit Kniepolstern geschützt, auf dem Boden ihres Vorgartens herumrobbt, hört sie. Alles und ungefiltert. Türen öffnen sich. Stimmen mischen sich. Ein Kleid wird erwähnt, ein Camper, der Goldendoodle tobt im Garten herum und nebenan spucken die Drucker seitenweise Steuererklärungen aus.


Bärbel schneidet. Halbzentimeter genau. Schräg. Bedacht. Und was sie dabei hört und sieht, ordnet sie ein. Sie behält nicht alles. Sie lässt weg, was (für sie) nicht passt.


Wie bei den Rosen. Nicht jeder Trieb darf bleiben. Wenn sie später am Gartenzaun steht und spricht, klingt es nach fester Meinung. Nach Gewissheit. Nach Bärbel eben. Und sie irrt sich nicht. Sie vereinfacht.

4 Kommentare

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Edith
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Eine wunderbar, herrliche Kurzgeschichte.

Liebe Christine, du verstehst es hervorragend, mich zwischen den Zeilen so anzusprechen, dass ich mich an meiner eigenen Nase nehmen muss. Danke für den Impuls, mich selbst zu reflektieren.

Edith

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Gast
vor einem Tag
Antwort an

Liebe Edith,

Ich wollte mit der Geschichte meine Eindrücke über eine Nachbarin niederschreiben.

Wow 🤩, dass dich die zum reflektieren deiner Selbst bewegt!

Alles Liebe Christine

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Gast
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Hihi, "so eine Bärbel" wohnt auch in meiner Straße. Oder vielleicht?– steckt sie auch ein kleines bisschen in mir. Jetzt ist es ja bald wieder soweit: Die Rosen müssen geschnitten werden. Und dann höre ich den Nachbarn etwas genauer zu.


Danke dir für die Geschichte. Großartig beobachtet, leise "böse" und herrlich entlarvend.

Anna

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Gast
vor einem Tag
Antwort an

Liebe Anna, zuhören ist immer gut! Kommt halt darauf an, was man daraus macht.

Danke für deine lieben Worte zu meiner Geschichte.

Ich wünsche dir einen wunderschönen Sonntag, Christine

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