Die Buchstabenflüsterer
- Christine Ubeda Cruz

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Es ist kurz vor acht Uhr morgens. Während viele Menschen sich durch den Berufsverkehr kämpfen oder ihren ersten Kaffee schlürfen, betritt Tina das Schulgebäude. Seit Januar kommt sie jeden Mittwoch in die Klasse 3c, zu einer bunten Truppe von Acht- und Neunjährigen, die, neben anderen Fächern, die Geheimnisse des Schreibens und Lesens entdecken dürfen. Zwei Schulstunden lang ist sie hier ihre Lesepatin.
Die Tür zum Klassenzimmer steht einen Spalt offen. Tina klopft leise an, und schon winkt ihr Frau Schneider, die Klassenlehrerin, zu. „Heute sind es wieder fünf“, flüstert sie und schiebt ihr einen Zettel zu. „Livia, Kevin, Aisha, und dann noch Hasan und Mia.“ Tina nickt. Sie weiß: Jedes Kind bringt seine eigene Historie mit, wenn es um das Lesen geht.
Als Erstes schlüpft Livia ins mit zahllosen bunten Büchern, einem bequemen Sofa und kleinen Sitzgruppen ausgestattete Lesezimmer der Schule. Bei jedem ihrer Schritte hüpfen die mit sonnengelben Schleifen geschmückten Zöpfe munter auf und ab. Strahlend plumpst sie auf den Stuhl und zeigt Tina ein Buch. „Der kleine Drache“ steht auf dem Cover. Sofort blättert Livia auf die erste Seite. Noch während ihre Augen über die farbenfrohe Illustration huschen, beginnt sie vorzulesen. „Der B r a c he flog über den Berg …“ – Tina hebt eine Augenbraue und sagt: „Schau nochmals genau hin, was da steht. Brache?“, fragt sie sanft. Livia grinst. „Ach, der Drache! Immer dieser b!“ Sie rollt die Augen, als wäre das "d" und das "b" ihr persönlicher Widersacher. Tina lächelt. „Weißt du was? Heute lesen wir nur Wörter mit "d". Und du zeigst mir, wo der Drache wirklich hinfliegt.“ Livia stöhnt theatralisch, aber ihre Augen glänzen. Begeistert liest sie weiter vor.
Nach etwa zehn Minuten betritt Kevin das Lesezimmer. Er gibt sich so leise und zaghaft als würde er unsichtbare Hindernisse umgehen. Langsam setzt er sich, streicht vorsichtig mit den Fingern über die Buchstaben auf der Seite, fast so, als könne er sie verwischen. „Der D... r... a... che “ – er stockt. „Der Drache …“ Tina wartet. Kein Drängen, kein „Schneller!“ Nur Geduld. „Weißt du, Kevin, ich habe gehört, dein Kater Momo hört ganz genau zu, wenn du ihm vorliest. Vielleicht mag er heute eine Geschichte über Drachen?“ Kevin hebt den Kopf. „Momo jagt keine Drachen. Der schläft nur.“ Tina lacht. „Dann liest du ihm einfach was vor, bis er aufwacht.“ Und plötzlich, ganz leise: „Der Drache flog über den Berg …“ – Buchstaben werden zu Worte, fließen in einen Satz – ganz selbstverständlich.
Plötzlich fliegt die Tür auf, als wäre ein Sturm hereingebrochen. „ICHBINDA!“ Aisha wirft ihren Rucksack in die Ecke und schnappt sich das Buch. „Alsoooo, der Hase und die Schildkröte, die machen ein Rennen, und dann –“ Sie hält inne, atemlos. „Aisha.“ Tina hebt lächelnd die Hand und sagt: „Einatmen. Halten. Halten. Ausatmen.“ Aisha kichert. „Das ist wie beim Yoga!“ – „Genau. Und jetzt: Welches Wort kommt nach ‚Schildkröte‘?“ – „Äh …“ Aisha beißt sich auf die Lippe. „Langsam.“ Sie grinst. „Okay, okay. Der Hase und die Schildkröte machen ein Rennen." Tina nickt. „Perfekt. Und jetzt: Was passiert wirklich in der Geschichte?“
Die unsichtbare Belohnung
Um 9.25 Uhr blinkt es zu Frühstückspause. Tina packt ihre Tasche. Draußen auf dem Schulhof winkt ihr Frau Schneider zu. „Die Kinder lieben es, Zeit bei Ihnen zu haben, sagt sie, und es hilft ihnen.“ Tina lächelt. Sie denkt an Livias triumphierendes „D!“ nach dem dritten Anlauf, an Kevins konzentrierte Stirn und sein zaghaftes Lächeln als die Sätze plötzlich wie von selbst aus ihm herausflossen, an Aishas Lachen, als sie merkte, dass sie die Geschichte doch versteht – sie nur alle Worte, die geschrieben stehen, lesen muss.
"Bis nächsten Mittwoch Tina – winken Livia, Kevin und Aisha. „Bis nächste Woche“, antwortet sie, als sich eine bunte Kinderschar um Frau Schneider und Tina bildet. "Ich will auch mal mit Tina lesen" tönt es aus zahlreichen Mündern. Frau Schneider antwortet lächelnd: "Ja, ihr könnt alle einmal mit Tina ins Lesezimmer."
Lächelnd geht Tina nach Hause. Beseelt von dem Gefühl, hier - zwischen Buchstaben und Kinderlachen - genau richtig zu sein. Nicht als Expertin, nicht als Pädagogin - sondern einfach als die, die zuhört, unterstützt, bestärkt und dem Vertrauen, dass Lesen manchmal weniger mit Buchstaben zu tun hat, aber viel damit, gehört zu werden.
***
Tina ist als ehrenamtliche Lesepatin über den Verein "Die Frankfurter Lesepaten" in einer Grundschule tätig. Sie unterstützt die Schülerinnen und Schüler beim Sprechen, Lesen und Verstehen deutscher Texte – ohne Leistungsdruck, in vertraulicher Atmosphäre mit Einfühlungsvermögen und Empathie. Das passiert, an Tinas Schule, während des Unterrichts im "Lesezimmer" außerhalb des Klassenraums. Die Kinder werden dabei zum Vorlesen angehalten. Als Lesepatin hört Tina zu, erklärt die Bedeutung von Wörtern und fragt, was vom Gelesenen verstanden wird. Art, Umfang und Inhalte der zu lesenden Texte werden von der Klassenlehrerin/dem Klassenlehrer bestimmt.













Lesepaten - was für eine wunderbare Idee.
Wunderbar🙋♀️