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Mamertus, Pankratius und die Kalte Sophie – oder: Warum meine Tomaten noch immer drin sitzen

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Regentropfen auf Baumzweigen
Hat das Goethe mit dem Satz "Wie herrlich leuchtet mir die Natur!" gemeint?

Es ist Mitte Mai. Der Wonnemonat. Goethe dichtete schon vor mehr als 200 Jahren:


Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!


Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch …


Das mit den Stimmen stimmt. Tausendfach prasseln Regentropfen auf die „Flur“. Nur selten hört man das zarte Zwitschern der Meisenbabys, die wahrscheinlich patschnass in ihren Nestern in der Hecke nach Futter rufen. Ein Gutes hat das nasse Wetter: ihre Eltern finden reichlich proteinreiche Regenwürmer.


Und ich: stehe an der Terrassentür, halte mich fest in meiner dicken Strickjacke umfaßt und warte. Warte darauf, endlich meine Tomatensetzlinge draußen einpflanzen zu können.



Sind die fünf schuld?


In diesem Jahr machen sie ihren Namen alle Ehren – die Eisheiligen. Fünf Tage, fünf Namen, ein meteorologisches Desaster. Für alle, denen die vier Kerle und die einzige Frau in dieser Runde, nicht bekannt sind, hier der Versuch einer Beschreibung:


Mamertus macht den Anfang, am 11. Mai. Er war Bischof im französischen Vienne im 5. Jahrhundert und führte Bittgänge gegen Naturkatastrophen und anderer Heimsuchungen ein. Ob er dabei auch an Kälte und Regen im Mai gedacht hat? Nicht überliefert. Aber immerhin: Er hat das Problem erkannt. Lösen konnte er’s nicht.


Pankratius folgt am 12. Mai. Sein Name bedeutet „Der alles Besiegende“. Er starb bereits mit 14 Jahren den Märtyrertod. Hatte keine Chance, sich zu wehren. Wie meine Tomatensetzlinge?


Servatius, ist der Eisheiligen, der am 13. Mai geehrt wird. Legenden zufolge wurde er mit einem Holzschuh erschlagen. Er wird bei Fußleiden, Frostschäden, Rheumatismus und Rattenplagen angerufen. Passt, nach einer Woche in Gummischuhen.


Bonifatius wird als Märtyrer am 14. Mai geehrt. Sein Name wird auch als „der gutes Geschick Verheißende“ übersetzt. Trifft in diesem Mai leider nicht zu.


Und schließlich: die Kalte oder Nasse Sophie, am 15. Mai. Eine Märtyrerin, die vermutlich 304 n. Chr. unter Kaiser Diokletian den Tod fand. Die Einzige mit Vornamen in der Runde.


Überraschung: in diesem Jahr tragen wieder alle Tiefs Frauennamen. Zufall? Sicher nicht.


(Wobei: Wenn du unbedingt selbst für meteorologisches Chaos verantwortlich sein möchtest – du kannst eine Patenschaft für ein Tief oder Hoch übernehmen, oder verschenken. Ein Tief kostet 290 €, ein Hoch 390 €. Der Preisunterschied liegt übrigens nicht daran, dass Tiefs schlechter sind – sondern dass sie kürzer existieren.)


Sophie wird gegen späte Fröste und für eine gute Ernte angerufen. Hm, hab‘ ich bedauerlicherweise verpasst!


In diesem Jahr ist die Bauernregel der Eisheiligen voll eingetroffen. Die Fünf haben ganze Arbeit geleistet und ihrem Namen so sehr Ehre gemacht, dass man fast respektvoll nicken möchte. Aber nur fast.



Wetter? Klima? Oder einfach: Mai?


Irgendwo in mir finden in solchen Situation kleine Debatten statt. Die ihr vermutlich auch kennt. Da stellen sich mir Fragen wie:


  • Ist das jetzt der Klimawandel?

  • Oder war das früher auch so?

  • Die Eisheiligen gab’s doch schon immer!

  • Ja, aber SO?


Stimmt: Die Eisheiligen sind kein neues Phänomen. Die gibt es, seit Menschen Kalender führen und Gemüse anbauen. Hinter dem Namen steckt echte Bauernweisheit – nämlich die Erfahrung, dass im Mai noch einmal polare Kaltluft aus dem Norden einbrechen kann, oft verbunden mit Nachtfrost und Regen.


Was sich, aus meiner laienhaften Sicht, verändert hat: der Rahmen drumherum. Der April war sehr warm. Und trocken. Ich hatte das Gefühl, der Frühling kommt drei Wochen zu früh. Und plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, befanden wir uns gefühlt wieder im November. Ob das nun Klimakrise ist oder normale Mailaune? Beides würde ich sagen.


Aber ganz ehrlich – das interessiert die Tomatenpflanze auf meinem Fensterbrett herzlich wenig.



Das Warten. Eine Chronik.


  • Montag: „Laut Wetterbericht wird’s am Donnerstag besser.“

  • Donnerstag: „Laut Wetterbericht wird’s am Wochenende besser.“

  • Samstag: „Laut Wetterbericht …“


Wetter-Apps, Wetterberichte und die weiteren Aussichten – ich bin zur Stammkundin geworden. Und noch immer kenne ich nicht wirklich den Unterschied zwischen „leichtem Schauer“ und „mäßigem Regen“ und „vereinzelt Niederschlag“. Nur eines weiß ich: Es ist alles nass. Und kalt.


Die Tomatensetzlinge stehen bereit. Sie sind groß und kräftig. Sie wollen raus.



Nutznießer der Nässe.


Die Schnecken*. Natürlich.

Die Eisheiligen sind für die Mollusken mit Eigentumswohnung wohl eine Einladung. Quasi der Startschuss in die neue Saison.


Das heißt im Klartext: Sie haben sich schon in Stellung gebracht. Schleimige Spuren weisen den Weg zu den besonders beliebten Kübeln. Da ist, außer Erde, noch nix drin. Halt, stimmt nicht. Schnecken in groß und klein kleben unter dem Rand der Töpfe. Die warten, ich seh’s ihnen an.


Und ich? Mach’s wie im vergangenen Jahr. Die Weichtiere mit einem Pinsel so lange kitzeln, bis sie den Topfrand loslassen. Dann geschwind einsammeln und mindestens 60 Meter weit in die städtische Grünanlage wegbringen. Bei einer geringeren Entfernung kommen sie nämlich zurück. Das haben britische Forscher herausgefunden. Und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln.


Nächste Woche ist es endlich so weit. Pflanzzeit. Für meine Tomaten. Und Reisezeit für die Schnecken.


Ob die Tomaten das überleben werden? Frag mich mal im Sommer …






*(Wer meinen Blog schon länger liest, weiß: Das Thema hat Geschichte. Meine Paprika, meine Erbsen, mein Rittersporn – alles Opfer eines feuchten Sommers und einer Truppe gehäusetragender Tiere mit erstaunlichem Heimfindeinstinkt. Aber das ist eine andere Geschichte – oder eigentlich: diese Geschichte.)*

1 Kommentar

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Gast
vor 4 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ab heute wird's besser. Vertraue darauf. Und auf deine Tomaten.

Bernd👍

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