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Bürgersteig für alle. Theoretisch.

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Blühende Kirschbäume entlang einer kleinen Straße
Genügend Platz für alle - oder?

Ein langer Tag, schwerer Koffer, müde Beine – und dann diese Treppe. Wer kommt mir entgegen? Ein quasselndes Duo in voller Breite, das die Welt um sich herum schlicht nicht wahrzunehmen scheint. Kein Zucken, keine Seitwärtsbewegung, nicht mal ein entschuldigendes Lächeln. Also quetsche ich mich ans Geländer, lasse die zwei vorbeirauschen und setze meinen Weg fort. Mit einem leisen Seufzer. Und dem stillen Wunsch, dass irgendjemand mal kurz nachdenkt, wie das eigentlich funktionieren könnte – das mit dem geteilten Raum, den wir Stadt nennen.


Kennt ihr das? Ich vermute: ja.


Es ist ein Großstadtphänomen, das mich immer wieder erstaunt. Da laufen Menschen zu zweit, zu dritt, manchmal gefühlt als ganzer Familienclan nebeneinander über den Bürgersteig – und alle anderen mögen bitte schön ausweichen. Notfalls auf die Straße. Die Gruppe hat recht, die Gruppe nimmt sich den Raum, die Gruppe hat Vorfahrt.


Da fällt mir auf, dass das Wort „Bürgersteig“ vielleicht selbst eine Erklärung zum gemeinsamen Nutzen liefern könnte. Meine Recherche dazu ist, sagen wir mal, semi-erfolgreich. Dennoch: Der Begriff kommt wohl aus dem 18./19. Jahrhundert und meint wörtlich den Steig für die Bürger – also die Stadtbewohner zu Fuß, im Gegensatz zu Adligen und Wohlhabenden mit Kutsche oder Pferd. Der Bürgersteig war buchstäblich der Weg des einfachen Stadtvolkes. Eine verbindliche Regel, wie er heute für zu Fuß Gehende zu nutzen ist, habe ich übrigens nicht gefunden. Komisch eigentlich – denn gefühlt ist in unserem Land ja sonst wirklich alles geregelt.


Ab und an treffe ich meinen persönlichen Lieblings-Mitbürger: Mr. Ellbogen. Hände tief in der Hoodie-Tasche, Ellbogen maximal ausgefahren, Kopf leicht nach vorne gereckt, als wäre er auf dem Weg zu sich selbst – und der Rest der Welt existiert schlicht nicht. Im Bus, in der Bahn, auf dem Gehweg in der Stadt. Er kommt durch, der Rest darf warten. Und ich steh’ da und frage mich: Ist das Achtlosigkeit? Das Auskosten der eigenen Präsenz? Oder gar eine Drohgebärde? Und war da irgendwann mal jemand, der ihm gesagt hat, dass Raum auch geteilt werden darf? Dass da draußen noch andere Menschen existieren – mit Koffer, Gedanken und dem Wunsch, auch diesen Gehweg nutzen zu wollen?


Woher dieses Verhalten so vieler Städter kommt, können vielleicht Soziologen beantworten. Mir bleibt es ein Rätsel. Was ich aber immer probiere: Ich suche den Blick. Kurz vor dem unvermeidlichen Beinahezusammenstoß passiert nämlich etwas Entscheidendes. Manche schauen auf – und in diesem einen Moment steckt alles. Da ist der Blick, der sagt: „Ah, du bist auch ein Mensch, ich rück mal kurz zur Seite.“ Das macht mir den Tag ein bisschen schöner, wirklich. Dann gibt es den trotzigen Blick: „Ich seh dich. Und? Ich steh’ hier.“ Der macht mich ebenfalls kurz trotzig. Und dann ist da der Blick, der gar nicht kommt – von Menschen, die so tief in ihrer eigenen Welt stecken, dass eine Außenwelt schlicht nicht vorkommt. Kein böser Wille vielleicht. Aber auch keine Verbindung. Irgendwie schade – für uns beide.


Dabei braucht es wirklich nicht viel. Nur diesen einen kurzen Moment des Innehaltens. Ein kleines Aufblicken. Einen Schritt zu Seite. Und das winzige, aber kostbare Bewusstsein: Dieser Gehweg gehört uns allen.


***


Und jetzt ihr: Weicht ihr aus – oder bleibt ihr stehen? Ich bin gespannt auf eure Gehweggeschichten in den Kommentaren. Ich hab nämlich das Gefühl, da kommen einige. 😄🤍

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