Alle Zeit der Welt
- Christine Ubeda Cruz

- vor 3 Tagen
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Sie hatte immer gedacht, die Zeit sei wie das Universum: unendlich weit, und sie mittendrin – jung, frei, mit allem noch vor sich.
Morgen würde sie ihre Mutter anrufen. Sie wusste sogar schon, wie sich das anfühlen würde – die Stimme, ein bisschen kratzig vom vielen Schweigen, und dann dieses erste Lachen, noch bevor irgendjemand etwas gesagt hätte.
Irgendwann, ganz bald, würde sie einfach in diesem kleinen Café am Berg sitzen. Füße im Gras. Atem weit. Nur da sein.
Sie hatte alle Zeit der Welt.
Das Merkwürdige an der Zeit ist, dass sie uns nicht ankündigt, dass sie geht. Sie geht leise. Wie eine Sanduhr, die weiter rieselt – still, gleichmäßig, unaufhaltsam. Aber wir nehmen es nicht wahr, weil das obere Glas noch so voll ausschaut.
Wir denken: Später – das Wort liegt so bequem im Mund, so weich, so unverbindlich. Es verheißt alles, scheint nichts zu kosten. Bis es das doch tut.
Bis sich etwas zusammenzieht, irgendwo hinter dem Brustbein. Weil sie hinschaut – endlich – und das obere Glas fast leer ist. Weil die Stimme, die sie morgen anrufen wollte, jetzt schweigt. Für immer. Und weil wieder ein Sommer still vorübergegangen ist, ohne ihre nackten Füße im Gras.
Nun sitzt sie da, die Kehle eng, die Hände schwer im Schoß. Und denkt: Wie konnte ich glauben, ich hätte alle Zeit der Welt?
Seneca schrieb vor über 2.000 Jahren, das Leben sei lang genug – wenn man es zu nutzen wisse. Wir nicken beim Lesen. Und schieben genau das auf. Natürlich. Denn wir haben ja noch Zeit.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht schneller werden, nicht mehr tun – sondern aufwachen. Für diesen Moment hier. Den einzigen, der wirklich existiert.
Die Zeit fließt weiter. Jeden Tag. Ohne zu warten.
Und irgendwo sitzt gerade jemand in einem kleinen Café am Berg, die Füße im Gras – und fragt sich, warum es so lange gedauert hat.
Mach’s nicht zu spät. Mach’s heute. Oder zumindest: mach’s nicht erst morgen.













Liebe Christine, dein Text berührt mich sehr. Danke Gerda