Die Finger der Anderen
- Christine Ubeda Cruz

- 23. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Sitzen. Warten. Atmen. Alle Stühle sind besetzt. Noch ein Patient. Setzt sich kurzerhand auf den fragil wirkenden Beistelltisch. Dahin, wo früher – lang ist es her – bunte Zeitschriften zum Zeitvertreib lagen. ZEITschrift. ZEITvertreib. Die Zeit, die man im Wartezimmer verbringt. Darüber müsste man mal nachdenken. Später. Nach dem Warten. Wenn Zeit ist.
Der kleine Tisch ächzt. Ganz leise mischt sich der Widerstand des Holzes gegen das Gewicht des Sitzenden mit dem Atmen, Seufzen, manchmal leidenden Stöhnen der Wartenden. Niemand spricht, trotzdem scheint es laut in diesem kleinen Raum. Schmerzen, Erwartungen und latente Ungeduld mäandern durch die stickige Luft wie unhörbare Töne.
Menschen auf Pause
Die Wartenden sitzen. Die meisten vornüber geneigt. Der Nacken im rechten Winkel zur Evolution. Den Blick starr aufs Handy gerichtet. Finger bewegen sich wie ferngesteuert – hektisch, präzise und offenbar nach Regeln, die nur das jeweilige Gehirn und die Geräte selbst kennen. Die Knöpfe im Ohr verbinden die Wartenden mit ihren kleinen digitalen Parallelwelten. Manche nicken kaum merklich zu Stimmen, die nur sie hören. Andere lächeln plötzlich auf ihr Display, runzeln die Stirn oder rollen mit den Augen, als säße dort drinnen ein besonders anstrengender Gesprächspartner.
Das Wartezimmer ist voller Menschen – die gleichzeitig seltsam abwesend sind.
Kino im Kopf
Ein mürrisch dreinschauender Wartender zieht geräuschvoll ein dickes Buch aus seinem schon lange genutzten Rucksack. Umständlich fingert er seine Brille aus einem abgeschabten Etui. Routiniert platziert er sich den Zwicker auf die große Nase. Passt, denkt die Beobachterin. Lange Nase, runder Zwicker. Irgendwie charmant altmodisch. Wie jemand, der noch „Fernsprecher“ sagt…
Lächelnd schlägt er das Buch an der Stelle mit dem bunten Lesezeichen auf und beginnt zu lesen. Die beobachtende Wartende beobachtet den lesenden Wartenden. Flink huschen seine, durch die Brille groß wirkenden Pupillen über die Seiten. Seine Mimik gibt das Gelesene direkt wider: hängende Mundwinkel, gerümpfte Nase, krause Stirn, lächelnde Lippen und plötzlich strahlende Augen. Das Gesicht des lesenden Wartenden erinnert die Beobachterin an die längst vergangene Zeit des Stummfilms. Allein der Begleitsound der anderen Wartenden passt so gar nicht zu dem Film, der sich im Kopf und auf dem Gesicht des lesenden Wartenden abspielt.
Zeit totschlagen oder erleben?
Denn während die anderen wischen, tippen, scrollen und offenbar gleichzeitig Wetterbericht, Weltpolitik, Katzenvideo und Gruppenchat konsumieren, scheint der Mann mit dem Buch in einer ganz anderen Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Langsamer vielleicht. Ruhiger. Eventuell auch tiefer.
Man sagt ja, Lesen sei wie Kino, nur im Kopf. Das Handy dagegen ist eher Jahrmarkt im Gehirn. Überall blinkt etwas, hupt etwas, fordert Aufmerksamkeit ein. Das Gehirn springt nervös von Nachricht zu Nachricht. Beim analogen Lesen dagegen passiert etwas Merkwürdiges: Das Gehirn arbeitet plötzlich selbst. Und produziert Bilder, Stimmen, Gerüche, Landschaften. Ganze Welten entstehen aus kleinen schwarzen Buchstaben.
Neurowissenschaftler würden vermutlich sagen, dass beim vertieften Lesen deutlich mehr Hirnregionen gleichzeitig miteinander kommunizieren als beim schnellen Konsum kurzer Bildschirmreize. Sprache, Erinnerung, Vorstellungskraft, Emotion – alles funkt gleichzeitig und erstellt so eigene Bilder. Während das Scrollen oft nur kurze Reaktionsimpulse erzeugt – klicken, wischen, weiter –, baut das Lesen regelrechte neuronale Autobahnen. Unsere Synapsen lieben Geschichten und Slow Motion. Wahrscheinlich mehr als Push-Nachrichten.
Das Handy vermag auch Gutes. Es kann beruhigen, ablenken, Menschen verbinden. Und manchmal rettet es Wartende vor der scheinbar „größten Bedrohung“ überhaupt: dem Gespräch mit Fremden. Niemand möchte plötzlich hören: „Na, auch schon seit acht Uhr hier? Das kann noch dauern …"
Der lesende Wartende scheint wie in, und aus einer anderen Welt. Er sitzt einfach da. Ohne Displaylicht im Gesicht. Ohne hektisches Daumenballett. Voll analog. Und er wartet nicht nur, aufgerufen zu werden. Ganz nebenbei reist er in Gedanken möglicherweise nach Island, ins Mittelalter oder in die Beziehungsprobleme eines Kommissars kurz vor der Pensionierung.
Vielleicht ist genau das der Unterschied:
Die einen vertreiben sich die Zeit.
Der andere verbringt sie.
Die Beobachterin schaut auf ihr eigenes Handy. Schwarzer Bildschirm. Akku fast voll. Gedanken ebenfalls. Sie denkt nach. Über ZEITschriften und ZEITvertreib. Und lässt das Telefon zurück in die Tasche gleiten.
Sie wartet. Nicht nur auf ihren Namen.













Liebe Christine,
ich mag die Vielfalt der Worte, wie du Alltägliches so anschaulich beschreibst. Wunderbar. Es ist immer ein echter Lesegenuss. Danke.