38 Grad und die Kunst, nichts zu tun
- Christine Ubeda Cruz

- vor 11 Minuten
- 2 Min. Lesezeit

Endlich ist mal wieder Sommer. Und schon ächzt halb Europa unter Temperaturen, die zu einer Sondersendung nach der anderen führen. Schon merkwürdig, dass ausgerechnet eine davon „Brennpunkt" heißt!?
Die Freibäder sind überfüllt, erste Badeseen müssen wegen Blaualgen schon wieder schließen. Sonnenschirme: ausverkauft. Klimaanlagen: auch. Der Umsatz an Speiseeis stieg im Juni um 90 Prozent, Wassermelonen werden zur Mangelware. Wasser ist knapp. Ganze Landstriche im Ausnahmezustand, und irgendwo steht garantiert jemand im Elektrogroßmarkt und fragt ganz zaghaft: „Haben Sie noch einen Ventilator? Irgendeinen?"
Was haben wir ihn herbeigesehnt, den Sommer. Verspricht er doch Ferien, Freiheit, und die Hoffnung, dass sich das Leben für ein paar Wochen leichter anfühlt. Sommer, das ist die Zeit der ersten, neuen oder alten Liebe, eiskalter Zitronenlimonade, lockerer Kleidung und warmer Füße.
Und jetzt? Jetzt ist Hitzewelle. Das Land schwitzt, kollektiv, unaufhaltsam. Wir reden uns aufgeheizte Wohnungen kühl und schmelzen dabei würdevoll vorm Ventilator dahin. Die Fugenmasse von Straßenbahnschienen verflüssigt sich, Autobahnen zieren Blowouts, und man ahnt: Wenn selbst der Asphalt aufgibt, sollten wir es vielleicht auch tun. Die Freibäder sind voll, Marktplätze und Geschäfte gähnend leer. Jeder sucht Schatten und Abkühlung, nimmt ein weiteres kühles Getränk und verschiebt großzügig alles, was auch morgen noch erledigt werden kann.
Der Sommer beherrscht seine Kunst: Er verlangsamt die Welt – und wir lassen es zu.
Nur: Morgen ist es wieder heiß. Also, weiter alles aufschieben? Offenbar ja. Die Hitze verändert Entscheidungen, verändert Wahrnehmungen, verändert die Art, wie Menschen miteinander umgehen – meistens zu mehr Nachsicht, manchmal aber auch zu mehr Streit - um die letzte Wassermelone oder den letzten Ventilator.
Dinge, über die wir sonst kaum nachdenken, werden zu den zentralen Fragen des Tages. Was ziehe ich an? Oder besser: aus? Gehe ich raus, wann, und muss das wirklich sein? Doch lieber ins klimatisierte Büro flüchten als von zu Hause aus arbeiten? Trinkt Opa genug? Wo, um Himmels willen, bekomme ich noch einen Ventilator her? Und liegt die Terrasse schon im Schatten – oder muss ich noch länger mit den Füßen im lauwarmen Wasser im viel zu warmen Arbeitszimmer sitzen bleiben?
Irgendwie löst die Wärme die festen Konturen des Alltags auf. Was bleibt, sind Atmosphären: lange Nachmittage im abgedunkelten Zimmer, stehende Luft, endlose Stunden des Nicht-Bewegens, das monotone Surren des Ventilators.
Doch irgendwann ergibt man sich. Hört auf, gegen die Hitze anzukämpfen. Und mit der Kapitulation kommt die Erleuchtung: Nichtstun ist keine Schwäche, Nichtstun ist Programm. Wer bei 38 Grad noch etwas erledigt, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die neue Lebensphilosophie heißt:
Liegen, wo Schatten ist.
Trinken, was kalt ist.
Bewegen, nur wenn’s unbedingt sein muss – und dann am liebsten in Richtung Kühlschrank.
So liegen wir da, würdevoll besiegt, das Eis schon geschmolzen, bevor der Löffel ankommt, und denken zufrieden: Hurra, der Sommer ist da!
Man muss nichts weiter tun, außer das auch so zu meinen.













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