Günni und die Himbeeren
- Christine Ubeda Cruz

- vor 9 Minuten
- 6 Min. Lesezeit

Sie rauchen ihre Zigaretten nie in der Ferienwohnung, sondern nur auf dem Balkon, von denen, die nicht rauchen, immer abgewandt. Allein der Bau der Klimmstengel erfordert gewisse Fingerfähigkeiten. Vorsichtig zupft Pia das feine Papier aus der Verpackung, fummelt irgendwie einen weißen Filter rein, hält das alles in einer Hand in einer schrägen Vertikalen um mit der anderen Hand Tabak und Kräuterbrösel gleichmäßig auf dem Papierchen zu verteilen. Mit maximal drei Fingern wird alles zu einer kleinen Rolle geformt, seitlich ein schmaler Streifen vorsichtig mit der Zunge befeuchtet, und dann beherzt verschlossen. Sofort steckt die Seite mit dem Filter zwischen ihren Lippen und schon leuchtet die kleine Flamme des Feuerzeugs auf. Ein wohliges Seufzen wabert in die Nacht. Da sitzt sie. Für sich, so entrückt und doch so da. Fast simultan rollt Judith ihre Zigarette. Die Füße hoch auf der Balkonbrüstung gelegt, versinkt sie mit dem ersten Zug an der Fluppe noch tiefer in ihren Stuhl. Ein entspanntes Brummen macht sich unter dem funkelnden Sternenhimmel breit. Die beiden anderen sitzen daneben. Tiefenentspannt die Sterne am Himmel betrachtend nur um laut „oh wie schön“ zu rufen, wenn wieder eine Sternschnuppe vorbei zischt.
„Morgen“, sagt Pia, „schreiben wir.“ Denn dafür sind wir ja hergekommen. Die Zustimmung zu dieser Feststellung erfolgt schweigend. Die kosmischen Staubpartikel am Himmel sind viel zu erhaben, um sie durch ein profanes „Ja“ zu einem ohnehin gemeinsam gefassten Entschluss zu entzaubern. Irgendwann in dieser Nacht, es ist kühl geworden, gehen die vier zu Bett. Es ist nicht überliefert, welche Träume sie begleiten.
***
Am Sonntag ihrer Ankunft ist die Luft so heiß, dass der Asphalt zu flirren beginnt. Judith bleibt unvermittelt vor dem Ortsschild stehen. NAGEL, steht da, weiß auf Gelb, sonst nichts, und sie fotografiert es, ohne zu wissen, warum. Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen, denkt sie, und schüttelt im selben Augenblick den Kopf über sich selbst. Wofür bitte, für was soll ein Ortsname ein Zeichen sein? Sie zuckt mit den Schultern, mitten auf der leeren Straße, keine Ahnung, sagt sie halblaut zu niemandem, und geht den anderen nach. Die stehen mit ihren Taschen schon vor der Tür zu ihrem Ferienhaus. Schwitzend und lachend, weil Maria behauptet, ihre Tasche sei während der Fahrt hierher schwerer geworden.
Die Woche wird heiß bleiben. Ein Sommer, wie es ihn im Fichtelgebirge selten gibt. Die Fichten stehen reglos, Felder und Wiesen sind bereits abgemäht, kein Wind. Nur am Abend spürt man eine angenehme Kühle vom See herüber ziehen.
Judith ist morgens die Erste am Tisch, noch im Schlafshirt, das Notizbuch aufgeschlagen, schreibt sie mit der Hand den ersten Satz eines Kapitels über ein Wesen, das seine Seele in den See wirft. Die Buchstaben werden kleiner, je weiter der Satz reicht, als wolle die Schrift selbst zur Seele werden oder gar im See versinken.
Pia setzt sich dazu, ein Manuskript in der Hand, einen Bleistift zwischen den Zähnen, liest über Judiths Schultern hinweg, ohne zu fragen, ob sie darf, und sagt irgendwann nur, diese Stelle, die mit der Libelle, da bist du näher dran als sonst. Judith nickt.
Konstanze schreibt im Bett, die Beine angewinkelt, das Fenster offen zur noch kühlen Luft hin. Sie schreibt über eine Mutter, über Episoden eines Lebens, die Hochs und die Tiefs. Konstanze weiß noch nicht, wie sie die vielen Geschichten verbinden wird. Sie schreibt trotzdem weiter, Tag für Tag ein Stück, wie man ein Netz webt, ohne zu wissen, was darin hängen bleibt.
Maria sitzt auf dem Sofa und hört sich selbst beim Sprechen zu. Sie schreibt Kapitel über Resonanzräume und Zwerchfellatmung, über das, was mit einer Stimme passiert, wenn ein Mensch endlich sagt, was er meint, und wandert nachmittags, im Haus ist es ihr zu heiß, mit dem Notizbuch in den Wald. Auf einem Baumstumpf sitzend schreibt sie weiter, während irgendwo ein Specht klopft, gleichmäßig, wie ein Metronom.
Am See hängen sie täglich ab, das Wasser kühl und klar mit einem leichten Torfton. Konstanze schwimmt methodisch ihre Bahnen, als arbeite sie etwas ab, Maria liegt meist nur am Ufer, die Füße im Wasser, und summt vor sich hin. Judith jagt Klicks mit ihrer Kamera. Und Pia badet innerlich mit kühlem Bier.
Irgendwann klettern sie zur Girgelhöhle über moosige Granitblöcke, die aussehen, als habe sie jemand vor Urzeiten dort liegen lassen. In der Kühle der Höhle stehen sie für einen Moment alle vier still. Ganz so, als schulde man diesem Raum so etwas wie Ehrfurcht.
Der Prinzenfels stellt sich mitten im grünen Dickicht herausfordernd in den Weg der Vier. Irgendwie stellt sich die Frage nicht, ob sie über die steile Treppe aus alten Stahlrohren hochkrabbeln oder den Monolithen von unten bestaunen. Mit der grandiosen Fernsicht und leichtem Wind ist die plötzlich aufflammende Höhenkrankheit gleich wieder weggeweht. Am Fuß des Felsens finden sie nicht nur eine geologische und historische Erklärung auf einem Schild, sondern auch eine kleine Holzbox, auf die jemand mit seiner schönsten Schreibschrift mit roter Farbe „Momente“ aufgetragen hat. Vorsichtig öffnet Pia die kleine Kiste, ein handgeschriebener Zettel darin von einem gewissen Günther, Konstanze nennt ihn sogleich Günni, der findet, man solle gute Augenblicke aufschreiben, bevor sie einem entgleiten. Sie setzen sich hin und schreiben, jede für sich, in das kleine Buch. Was, sagen sie einander nicht, und beim Rückweg pflücken sie Himbeeren am Wegrand, die Finger rot verschmiert. Konstanze sagt, das mit den Himbeeren, das mache sie glücklich wie ein Kind.
Der Abend bleibt warm, das Feld, auf das sie ihre Decken ausbreiten, ist abgeerntet. Den Himmel schmückt ein feines Hellblau mit ein paar zarten Schleierwolken, die Vögel schweigen plötzlich. Nun wirkt das Licht wächsern, gelblich, die Luft scheint drückend und selbst die lästigen Mücken sind plötzlich nicht mehr da. Am Himmel beginnt unmerklich das Naturschauspiel des Jahrhunderts. Der Mond schiebt sich vor die Sonne, langsam aber stetig, bis nur ein schmaler Leuchtkranz bleibt. Die Augen schmerzen beim Blick in das gleißende Licht der beiden Erdtrabanten, nur mit der speziellen Pappbrille wird das Lichtwunder am Himmel sichtbar. Unbeirrt zieht der Mond weiter und die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen und geht dann unter, an diesem für die Menschen so besonderen Abend.
Abends gibt es Currywurst mit Pommes in der Strandbude am See, Bier aus der Region und so manchen Wild Berry. Im Dunkeln sitzend erzählt Pia von Manuskripten, die sie als Lektorin lesen darf, manchmal zweifelnd weil sie so geschrieben sind wie ihre ersten eigenen vor Jahren.
In den Nächten sitzen sie auf dem Balkon, die Perseiden ziehen ihre kurzen weißen Linien über den Himmel, jede zählt für sich, ohne es zu sagen, Judith und Pia drehen ihre Zigaretten, der Rauch treibt seitlich weg, hinaus über die Fichtenwipfel. Konstanze liest manchmal vor, was sie am Tag geschrieben hat, leise, fast entschuldigend, die anderen hören zu, ohne zu unterbrechen, und wenn sie fertig ist, sagt niemand etwas.
Aus dem Dunkel meint Maria plötzlich, weißt du noch, das Ortsschild, am ersten Tag, und Judith lacht, verlegen fast, ja, ich weiß nicht mal mehr, was ich mir dabei gedacht habe. Aber Pia, die die ganze Woche über Manuskripte mit fremden Sätzen gebeugt gesessen hat, sagt nur, doch, ich glaube schon, dass du dir was dabei gedacht hast, und zeigt mit dem Kinn auf die Notizbücher und Laptops, die auf dem Tisch liegen, vollgeschrieben und Akku-entleert. Wir sind hergekommen, um zu schreiben, sagt sie, und diese Woche lang hat jede von uns versucht, eine Sache zu treffen, die sich nicht leicht treffen lässt, den einen Satz, den einen Ton, den einen Anfang, der stimmt. Man nennt das doch so, oder, sagt Judith langsam, den Nagel auf den Kopf treffen. Genau, sagt Pia, und vielleicht ist das Schild am Ortseingang gar kein Zeichen gewesen, sondern eine Ansage. Sie lachen, alle vier, in die warme Nacht hinein, und für einen Moment ist es, als hätten sie den Ortsnamen beim Wort genommen.
Der Sonntag kommt zu schnell, Betten werden abgezogen, der Kühlschrank ausgeräumt, die Taschen stehen wieder im Flur, vorne am Parkplatz die Autos mit offenen Kofferräumen, man umarmt sich, länger als sonst, kürzer als man möchte. Konstanze hat ihr Manuskript um viele Kapitel und ein Netz aus Wörtern erweitert, Judiths Märchen hat noch immer kein Ende, aber sie weiß jetzt, dass es keins braucht, jedenfalls kein fertiges, Maria hat ein komplettes Konzept für ihr Buch erstellt, das erste, das ihr die Richtung zeigt. Pia sagt nichts über sich selbst, das tut sie nie, aber sie lächelt.
Dann fahren die Autos los, eins nach dem anderen, an dem Ortsschild vorbei, das Judith noch einmal ansieht, im Vorbeifahren, ohne diesmal das Handy zu zücken, denn manche Zeichen, denkt sie, muss man nicht festhalten, die bleiben sowieso.














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