• Christine Ubeda Cruz

Der Lesende



Herrlich frisch präsentiert sich der frühe Morgen. Saftig grün. Und ruhig. Wenn man das Gezwitscher der Vögel eher als Musik denn als Lärm schätzt. Ich wünschte, ich könnte schweben. So verbunden fühle ich mich mit der Natur. Ich trete nur ganz zaghaft auf. Aus Scheu, die harmonische Stimmung zu stören. Tau glitzert auf den Blättern. Die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen zum Boden. Schimmernde Lichtspiele und Reflexe tanzen über den Weg. Eine leichte Prise lässt das Laubdach über mir leise tuscheln. Erste, noch winzig kleine Eicheln fallen zu Boden und springen wieder auf. Wie grüne Flummis. Leise nuschelnd fließt das kühle Wasser über die Steine des schmalen Baches. Mein kleines Paradies. „Meine kleine Ecke“ im Stadtwald.


Gemächlich schlendere ich dahin. Und genieße die magische Atmosphäre.

Auf einmal höre ich eine Stimme. Tief und sonor. Klar und deutlich. Sprechend. Menschliche Laute. Sehen kann ich den dazu gehörenden Menschen nicht. Aber gut hören. Er liest. Rezitiert. Aber was? Und vor allem warum?

Ich höre weiter zu. Wohlklingend tönt die Stimme. Pointiert. Betont die Worte an den richtigen Stellen. Klingt wie bei einem guten Hörbuch.


Ich höre, dass der Mensch mit der angenehmen Sprecherstimme immer weiter läuft. Wo er ist, kann ich nicht ausmachen. Ich bin neugierig. Möchte weiter zuhören. Und folge so seiner Stimme. Jetzt setzt er wieder an. „So wehrten sich die Gefangenen der Pest Woche für Woche, so gut es ging. Und wie man sieht, gab es sogar ein paar unter ihnen, die sich, wie Rembert, einbilden konnten, sie handelten noch als freie Menschen, sie vermöchten es noch, eine eigene Wahl zu treffen. Aber in Wahrheit konnte man zu dieser Zeit, Mitte August, sagen, daß die Pest alles überschwemmt hatte“…

Gebannt zuhörend laufe ich weiter. Und schaue suchend in den Wald. In die Richtung, aus der die Stimme kommt. An einer Kreuzung bleibe ich kurz stehen. Schaue nach rechts. Und sehe den Menschen mit der sonoren Stimme. Ganz kurz. Dann verschwindet er wieder im dichten Gestrüpp. Büsche und Ranken scheinen ihm nichts anzuhaben. Er läuft einfach weiter. Und er liest weiter vor. „Da gab es keine Einzelschicksale mehr, sondern nur noch gemeinschaftliches Erleben: das der Pest und der von allen empfundenen Gefühle…“

Ich folge ihm parallel auf meinem Weg. Und nun kann ich ihn doch ab und zu sehen. Ein großer Mann. Graue störrische Haare zieren seinem Kopf. Ein langer weißer Bart verdeckt fast vollständig sein Gesicht. Sein Gang ist merkwürdig. Der ganze Oberkörper ist weit nach vorne gebeugt. In der einen Hand hält er einen langen Stock. Schräg nach oben. Auf Augenhöhe. Am oberen Ende kann ich weitere, kurze Stöcke, ausmachen. Er hält die Konstruktion wie einen Handystick. Trägt aber kein Telefon. Dafür aber ein Buch. Offenbar reicht die Länge des Armes nicht mehr aus, um die Buchstaben zu entziffern. Aber ich kann es nun erkennen. Das rote Paperback aus dem rororo-Verlag. Und jetzt ist mir auch klar, aus welchem Buch er ließt: Albert Camus „Die Pest“.

Weiter geht unser paralleler Weg. Der des Lesenden und meiner. Und ich genieße die private Vorlesung. Schön ist das. So viel angenehmer als ein Hörbuch über Kopfhörer. Skurril. So mitten im Wald. Mit einem so eindrücklich Text.

Verantwortung und Solidarität

Meine Gedanken bekommen Flügel. Erinnerungsfetzen kommen hoch. Daran, dass ich diesen alten Roman auch einmal gelesen habe. Vor langer Zeit. Und wie aktuell er doch gerade wieder ist. Geht es doch im Grundsatz um Verantwortung und Solidarität. Meiner Meinung nach DIE GEGENMITTEL zur Bekämpfung einer Pandemie.

Irgendwann verliert sich die Stimme des Lesenden im Wald. Ich gehe, tief in Gedanken weiter. Nach Hause. Direkt zu meinem Bücherregal. Da ist sie, meine Ausgabe der Pest, gedruckt 1990. Ich blättere darin und lese. Und bin irritiert, wie sich Geschichte wiederholt.

Albert Camus hat in seinem 1947 veröffentlichen Werk Fragen gestellt. So zum Beispiel: Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die von einem unbekannten Bazillus, heute Sars Cov2 Virus, heimgesucht wird? Was macht es mit den Menschen, wenn sie von der Außenwelt abgeschnitten sind? Albert Camus Antwort ist zugleich einfach und kompliziert: Steht auf, tut euch zusammen und handelt. In seinem Roman ergreifen einige Männer die Initiative. Sie versuchen erst gar nicht, diese sinnlose Krankheit zu verstehen. Sie stellen Hygieneregeln auf, isolieren die Kranken, begraben Verstorbene und entwickeln ein Heilmittel.

Hopla, denke ich! Das ist seit Frühjahr 2020 gar nicht so viel anders. Verantwortung und Solidarität sind nach wie vor notwendig. Eigeninitiative auch. Hygiene eh. Und die Isolierung von Kranken begleitet uns nach wie vor. Ein Heilmittel ist noch nicht?! gefunden. Aber wirkungsvolle Impfstoffe. Die uns zumindest vor schweren Verläufen und Tod schützen.


Ist es doch so, wie gerne behauptet wird, dass sich Geschichte wiederholt?

Morgen in der Früh gehe ich wieder in den Wald. Da fühl' ich mich wohl. Denn derzeit ist es wie in Camus‘ Buch: „Auf allen Plätzen wurde getanzt. Der Verkehr hatte von einem Tag auf den andern beträchtlich zugenommen, und die zahlreicher gewordenen Autos kamen in den überfüllten Straße nur mühsam vorwärts…“

Und vielleicht höre ich ihn dann wieder. Den Lesenden. Wahrscheinlich mit einem neuen Buch. Ich bin gespannt was er diesmal rezitieren wird.




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