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Die Unsichtbare

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • vor 11 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit
Abstrakte gelbe Figur mit runden Augen
Wie geht es dir?

Es kam ohne Vorwarnung. Eine Untersuchung, ein Anruf, ein Krankenbett. Und dieser Satz, der sich schwer wie ein Hinkelstein auf die Schulter setzte: "Diese Operation ist dringend! Es gibt keine Alternative!" Danach verschwammen die Stunden in trüben Klinikfluren. Sie saß auf zu harten Stühlen, umklammerte krampfhaft Kaffeebecher, deren Füllungen längst kalt geworden waren und wartete. Nicht nur ihre Schultern taten weh vom Fest- und Stillhalten.


Die Operation gelang. Die Ärzte nickten zuversichtlich. Jetzt geht es ihm langsam besser. Er sitzt wieder, trinkt Tee, isst Käsebrot und lächelt müde. Und alle sind erleichtert.


Ihr Telefon klingelt oft. „Wie geht es ihm heute?“ „Was sagen die Ärzte?“ „Kann man ihn besuchen?“, lauten die immer wiederkehrenden Fragen. Freundlich, besorgt, zugewandt. Und sie erzählt. Geduldig. Von kleinen Fortschritten. Von vorsichtiger Hoffnung. Um am Ende eines jeden Gesprächs zu hören: "Das ist sicher auch für dich schwer. Ich wünsche dir viel Kraft. Fühl dich gedrückt."


Und dann: Stille!

Niemand fragt weiter. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil sie denken, sie sei stark. Verlässlich. Eine, die das trägt. Sie lächelt, sagt danke, legt auf. Und merkt, wie schwer ihre Arme plötzlich sind.


Nachts liegt sie wach und weint. Oder sie denkt nach. Darüber was hätte passieren können. Und daran, wie knapp es war. Ihre Schultern sind verspannt. Der Kopf zu voll. Sie hat Angst. Sie fühlt sich klein in diesen endlos scheinenden Nächten, unsicher, verloren. Und sehr allein, obwohl das Telefon so oft klingelt.


Sie wünscht sich jemanden, der nicht nur nach dem Befund fragt, sondern auch mal sagt: "Und du? Wie geht es dir?" Jemanden, der vorbeikommt, ohne viel Worte. Der Suppe mitbringt oder Rotwein oder Kartoffelchips – egal! Der sich neben sie aufs Sofa setzt. Zuhört. Oder mit ihr schweigt. Jemand, der Taschentücher reicht, wenn sie weint. Und bleibt, bis ihr Atem ruhiger wird.


Am nächsten Morgen wäre nichts gelöst. Die Sorgen wären noch da. Die Müdigkeit auch. Aber es wäre etwas leichter. Weil jemand gefragt hätte. Weil jemand gesehen hätte, dass auch sie Halt braucht.


Seine Genesung schreitet gut voran. Tag für Tag geht es ihm besser.


Und sie erlaubt sich, ihrer eigenen Erschöpfung Platz zu geben. Sie lernt, Hilfe anzunehmen. Und manchmal sogar darum zu bitten. Ein leiser Satz reicht: „Ich brauche dich gerade.“ Und wenn jemand antwortet: „Ich bin da“ –dann wird die Nacht ein kleines bisschen kürzer.

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