Unfreiwillig gezwungene Abstinenz
- Christine Ubeda Cruz

- vor 2 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Ich trinke jeden Tag. Also Wasser, Kaffee oder Tee. Und ja, manchmal auch Wein. Am liebsten mit Freunden. Doch das ist derzeit, sagen wir mal, kompliziert. Denn in meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die sich dem „Dry January“ verschrieben haben. 31 Tage ohne Alkohol. Und – das scheint ein wesentlicher Bestandteil dieser freiwilligen Askese zu sein – sie erzählen es jedem.
Samstagmorgen, Mitte Januar, auf dem Wochenmarkt. Strahlender Sonnenschein, Eiseskälte. Der Gemüsestand hat sich mit Zeltplanen eingehüllt, ein Gasstrahler rettet das Gemüse und die Finger der Mitarbeitenden vor dem Erfrieren. Vor dem Stand mit Pfälzer Weinen hat sich die "Wir-treffen-uns-jeden-Samstag-auf-ein-Glas-Clique" versammelt. Helles Lachen, lautes Gläserklirren – trotz Januar, trotz Kälte. Es wird Wein getrunken. Mit Alkohol.
Nur einer macht nicht mit. Max. Er steht etwas abseits, nippt an seinem kalten Wasser und schaut sehnsüchtig auf die klirrenden Gläser. Stolz verkündet er, seit 24 Tagen „ohne“ zu sein – und wie gut es ihm damit gehe. In einem Tonfall, der eigentlich Applaus erwartet. Doch kaum jemand hört ihm zu.
Weil ich nicht unhöflich sein möchte, lausche ich seiner wortreichen Erklärung. Verstohlen gönne ich mir einen Schluck Riesling und frage mich, ob ich von meiner eigenen Abstinenz berichten soll. Einer unfreiwilligen. Seit dem 3. November. Bähm. Das ist Askese. Nicht diese popeligen 31 Januartage. Mein Verzicht ist keine Frage von Willenskraft, sondern der Umstände. Ich befinde mich in einer Gelato-Abstinenz.* Denn der Eismann meines Vertrauens weilt in Italien. Bis Ende Januar. Ein Zustand, der härter ist als jeder Dry January.
Max sehnt das Monatsende herbei. Denn im Februar ist Fasching. Und da wird wieder getrunken. So richtig. Wegen Fasching. Um nach Aschermittwoch – in diesem Jahr bereits am 18. Februar, eine geradezu unverschämt kurze Kampagne – 46 Tage lang zu fasten. Ob das diesmal auch Alkohol umfasst, weiß Max noch nicht.
Ich hingegen erfahre soeben aus der örtlichen WhatsApp-Gruppe, dass meine Abstinenz ein absehbares Ende hat. Der Eismann meines Vertrauens öffnet am 25.1. wieder seine Türen. Mein Januar endet also am Sonntag. Juhu, ich freue mich auf süßes italienisches Eis und fühle mich dem Frühjahr schon ein ganzes Stück näher.
* Gemeint ist nicht das „andere Gelato“, eine Cannabissorte mit bis zu 25 % THC.
In diesem Bereich pflege ich konsequent eine lebenslange Abstinenz.














Liebe Christine,
da bin ich aber richtig froh, dass ich nicht abstinent sein muss. Mir würde nämlich so richtig was fehlen, wenn ich nicht jeden Sonntag eine kleine, amüsante oder nachdenkliche Geschichte von dir zu lesen bekommen würde.
Liebe Grüße
Edith
Liebe Christine,
ich musste so schmunzeln bei diesem Text, weil ich gerade diese Tage darüber nachgedacht habe, wie sehr die Menschen in diesen Zeiten sich mit dem Essen, Trinken, den Allergien, Unverträglichkeiten, den Diäten beschäftigen. Und das ist ja an und für sich etwas Gutes. Nur....... wie Du schon schreibst, haben diese Personen dann das starke Bedürfnis, immer wieder darüber zu sprechen.
Anfangs hab ich noch mitgesprochen, denn ich kann/darf/will ja auch nicht alles essen und trinken, aber irgendwann hab ich damit aufgehört, denn so wirklich hat meine eigene Erfahrung niemanden interessiert.
Und mein Gedanke war: Was, wenn man einfach auf etwas verzichtet, ohne es groß an die Glocke zu hängen? Es einfach in sein Leben integriert, als wäre es…