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Stille zu zweit

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit
Grafitti auf Betonwand. Viele Kringel und Farben mit der Aufschrift RUHE
Ruhiges Grafitti?

Es gibt Menschen, die unruhig werden, wenn zwei Personen schweigend beieinandersitzen. Erst kürzlich habe ich ihn wieder gespürt: diesen kurzen, fast mitleidigen Blick von Fremden im Restaurant, wenn wir einfach nur dasitzen. Kein Gespräch. Kein Handy. Nur zwei Menschen, zwei Teller, eine Flasche Rotwein – und ein angenehmes Nichts dazwischen.


Ich meine, diesen Blick zu kennen. Er sagt: „Schau nur, die Armen, die haben sich nichts mehr zu sagen.“ Oder schlimmer: „Die haben ein Problem.“


Doch wir haben uns sehr viel zu sagen. Nur gerade jetzt nicht. Dieses Nichts ist ein Geschenk – wie eine Pause in der Musik, die den nächsten Ton besonders macht. In einer Welt, die jede Sekunde füllen will, ist unsere Stille Reichtum.


Mein Lieblingsmensch und ich gehen schon viele Jahre gemeinsam durchs Leben – lange genug, um zu wissen, dass auch gemeinsames Schweigen wertvoll ist. Wir kennen die Rituale des anderen auswendig: Er liest die Speisekarte von oben nach unten, und beginnt wieder von vorne. Ich scanne sie und weiß sofort, was ich möchte. Wir müssen das nicht besprechen. Es ist einfach so.


An diesem Abend – leckere Pasta, schwerer Rotwein, in einem Lokal, das leider etwas zu laut war – blickte ich zum Nachbartisch. Auch dort: ein Pärchen mit Pasta, Rotwein und zwei Handys. Rege Aktivitäten. Nudeln auf die Gabel drehen, am Wein nippen, tippen, scrollen, weiter tippen. Dazwischen kurze Worte, hektisches Lachen. Ich dachte: „Ganz schön viel los bei den Beiden.“ Und doch schien jeder für sich in seinem eigenen kleinen Bildschirmuniversum zu schweigen.


Und wir? Wir sitzen still, und doch ist alles da – das Klirren der Weingläser, das leise Summen der Stimmen um uns, der Duft von Knoblauch und Basilikum. Wir müssen nichts hinzufügen. Die Stille hält uns, wie ein Raum, der genau für uns gemacht ist.


Geteilte Stille ist, glaube ich, etwas sehr Vertrauensvolles, dass zwei Menschen miteinander teilen können. Niemand muss jemanden unterhalten. Keiner muss eine Rolle spielen. Wir dürfen einfach sein – ohne Programm, ohne Leistung.


Das klingt vielleicht unromantisch. Für mich ist es das Gegenteil.


Als wir an diesem Abend gingen, half er mir, wie immer, in den Mantel – weil er weiß, dass ich das mag und den linken Ärmel nie auf Anhieb finde. Draußen war es kühl, wir gingen nebeneinander, Schulter an Schulter schweigend und zufrieden nach Hause.


Ich erinnere mich genau, wie sich dieser Abend angefühlt hat: Wie ein gemeinsames, ruhiges Atmen – satt, warm, vollständig. So, als wäre die Welt für einen Moment genau richtig.




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Gast
vor 3 Tagen

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