Das Jahr, das nicht beginnen wollte
- Christine Ubeda Cruz

- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Ende Dezember schien die Welt noch beruhigend vertraut. Das Wetter war nicht richtig kalt, aber auch nicht warm. Die Sonne machte irgendwo anders Ferien, und die Menschen kauften ein. Geschenke, Leckereien, Sekt, Raclette-Käse und (leider auch) Feuerwerk – kleine, wohlverdiente Gönnungen zum Jahresende.
In freudiger Erwartung versammelten sie sich am letzten Tag des alten Jahres und zählten die Sekunden herunter. Vereint riefen sie laut „NULL!“ in die sternenklare Nacht. Und dann geschah – es war muchsmäuschen still – NICHTS!
Das erwartete Glockengeläut der Kirchen schwieg, als hätte die Welt selbst die Luft angehalten. Keine Rakete und kein Böller zerstörten die Stille. Sämtliche Kalender schienen zu warten. Auf den 1.1.2026. Doch auf den Handys erschien: 32. Dezember. Mit wachsender Unruhe wurden sämtliche Geräte immer wieder neu gestartet, als ließe sich das neue Datum, das neue Jahr durch Ungeduld oder Technik herbeiholen. Doch die Anzeige blieb, wie sie war: der 32. Dezember.
Irgendjemand schaltete den Fernseher an. Doch auch hier – in der Hafencity Hamburg bei der offiziellen Silvesterfeier – Ruhe. Kameras scannten einen dunklen Himmel ab. Kein Feuerwerk, kein Zeichen des neuen Jahres. Ungläubig suchte Moderatorin Kiwi im Blick von Johannes B. Kerner nach einer Erklärung – vergeblich. Schließlich brach sich ein unsicheres, befreiendes Lachen bahn. Sie fand ihre Contenance wieder und meinte: „Cool, dann feiern wir heute hier zum ersten Mal den 32. Dezember – zwanzigfünf26!“ – fügte sie stotternd hinzu, während ihr Co-Moderator hektisch mit den Armen fuchtelte, um die verdutzten Musiker zum Spielen zu bringen. Man sagt, dass es dann doch noch eine echt coole Party dort in Hamburg wurde. Vielleicht aus fröhlicher Verzweiflung?
Andernorts wohl auch. Denn auf der Plaza Mayor in Madrid, in Paris am Arc de Triomphe oder zu Hause im Partykeller: Die Uhren blieben stehen, die Glocken schwiegen, Kalender zeigten den 32. Dezember an.
Nach anfänglicher Irritation entschieden sich viele denoch fürs Feiern. Es wurde getanzt, gesungen, getrunken – gegen oder mit einem Jahr, das nicht kommen wollte. Am 32. Dezember zwanzigfünf26.
Schlaf- oder alkoholtrunken gingen die Feiernden irgendwann zu Bett, mit der kindlichen Weigerung, an ein Scheitern zu glauben. Ganzs sicher würde später am Morgen der 1. Januar 2026 auf ihren Displays leuchten.
Zwischenzeitlich lief Social Media heiß. Hightech-Ängstliche verurteilten die KI, ewig Gestrige machten den großen Feind verantwortlich. Andere spekulierten über einen gigantischen Softwarefehler oder philosophierten darüber, dass das neue Jahr Angst hätte angesichts der Krisen auf Erden. Prediger der Apokalypse prognostizierten gar das Ende der Welt …
Die Kalender jedoch bleiben einfach stehen. Der eigentliche Neujahrstag erschien weiterhin als 32. Dezember. Auch Freitag und Samstag folgten dieser Logik, als habe die Zeit beschlossen, im Wiederholungsmodus wie im Film "täglich grüßt das Murmeltier" zu kreisen. Irritiert lachten die Menschen darüber. Doch am Sonntag kroch Unruhe in ihre Gedanken. Was ist mit dem Geburtstag von Opa Paul, seit Jahrzehnten am 5. Januar? Findet der statt? Bleibt er nun für immer 88 Jahre? Was wird aus Arbeitsverträgen, aus dem Geburtstag von Neugeborenen, aus all den Plänen, die auf den ersten Schritt des Januars warten? Die Kalender hingen weiterhin fest in einer Falte der Zeit.
Als die Menschen am Montagmorgen erwachten, erstrahlte die Welt hell und mit Schnee bedeckt. Es roch anders, frisch und rein. Und als sie auf ihr Handydisplay schauten, begrüßte sie endlich der 5. Januar 2026. Ein weithin hörbares Aufatmen machte sich breit. So, als sei der Menschheit eine unsichtbare Last von den Schultern genommen. Verträge starteten wie geplant, und Opa Paul verzehrte mit Genuss ein Stück seiner Geburtstagstorte. Ein letztes Rätsel aber blieb und beschäftigt noch weiter die Standesämter. Welchen Geburtstag erhalten die Neugeborenen dieses wunderlichen Kalenderstopps?
Danke, liebe Charlotte, für diesen Impuls!













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