Plomben


Der Anruf kommt kurz nach sieben. Clara steht in ihrer Küche, drückt gerade auf den Knopf für den ersten Espresso, draußen wissen Nebel und Sonne noch nicht, wer heute siegen wird. Der Mann von der Spedition redet schnell und entschuldigend. Ein LKW, sagt er, die Plombe aufgebrochen, der Fahrer braucht doch seine Ruhezeiten, die Polizei ist schon da.
„Wie viele?“, fragt Clara.
„Drei“, sagt der Mann. „Drei Bücher. Sonst fehlt nichts.“
„Drei“, sagt Clara und schaut auf ihren dampfenden Espresso.
Sie hat den Datenträger selbst gefahren, vom Verlag zur Druckerei. Sechs Stunden im Auto, ihre Schultertasche mit der schwarzen Festplatte und dem darauf gespeicherten geheimen Buch immer im Blick. An einer Raststätte hatte sie einen Kaffee getrunken, die Tasche unter den Arm geklemmt. Dann hatte sie sich umständlich die Hände gewaschen.
In der Druckerei hatte man sie in ein Büro geführt, in dem ein verstaubter Kaktus auf der Fensterbank stand. Zwölf Menschen hatten unterschrieben. Sie hatte die Namen gelesen, einen nach dem anderen, Kowalczyk, Brandl, Özdemir, Schulte, als könnte man aus Namen etwas ablesen. Alle waren sie bereit zu schweigen.
Um acht ist sie im Verlag, fährt den Rechner hoch, klickt die Mail an und schaut suchend auf die Strafanzeige, ganz so, als könne das Dokument all ihre Fragen beantworten. Aus dem hölzern wirkenden Text entnimmt sie: Plombe aufgebrochen, Ladebordwand gewaltsam geöffnet, gesetzliche Lenkruhe. Entwendet: drei Bücher. Drei Exemplare, denkt Clara, das klingt nach einem merkwürdigen Diebstahl, irgendwie fast traurig.
Kurz nach zehn Uhr schreibt ein Onlinemagazin, dass aus dem Lager der Druckerei Bücher gestohlen worden seien. Um zehn Uhr vierzig veröffentlicht ein anderer Onlinedienst einen Absatz aus dem Buch. Zwei Sätze, in Anführungszeichen, davor das Wort angeblich. Clara liest die Sätze, sie wirken weder falsch noch richtig, lassen alles im Ungefähren.
Sie ruft Martin an, den Lektor. Er nimmt sofort ab, im Hintergrund zwitschern Vögel.
„Hast du das gesehen?“
„Ich habe es gesehen.“
„Und?“
„Und nichts“, sagt Martin. „Ich war es nicht, Clara.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Nein“, sagt er. „Hast du nicht.“
Die Vögel tirilieren. Sie legen auf, ohne sich zu verabschieden.
Am Nachmittag, die tief stehende Herbstsonne zeichnet Lichtkringel ins Büro, kommt die Kommissarin. Sie heißt Fischer, ist klein, hat einen zu warmen Mantel an, ihr Gesicht ist gerötet. Sie sieht sich um, die Regale, die Manuskripte, die vielen Stapel mit Büchern.
„Schön haben Sie es hier“, sagt sie.
„Ich müsste mal aufräumen“, seufzt Clara.
„Wieso?“
Die Kommissarin setzt sich. Sie fragt nach dem Datenträger, nach der Fahrt, nach den zwölf Unterschriften. Sie fragt, wer wusste, wann die Lastwagen fahren. Clara zählt auf. Es sind mehr, als sie gedacht hat.
„Und die Yellopress“, sagt Fischer. „Eine halbe Million, hört man.“
„Man hört vieles.“
„Haben Sie das Angebot gesehen?“
„Ich habe es nie gesehen. Es hieß nur, es gäbe eins.“
Fischer nickt, als sei das eine Antwort.
„Wissen Sie, was mich beschäftigt?“, fragt die Kommissarin. „Drei Bücher. Wer bricht einen Lastwagen auf und nimmt drei Bücher? Nur drei?“
„Jemand, der Handys erwartet hat“, sagt Clara schulterzuckend.
„Das haben meine Kollegen auch gesagt.“ Fischer lächelt, kaum spürbar. „Jemand, der Handys erwartet hat und stattdessen Literatur findet. Das gefällt mir. Das ist beinahe komisch.“
„Beinahe.“
„Und dann sitzt dieser Jemand in seiner Wohnung, mit drei Büchern, die er nicht wollte, liest. Und ruft einen Journalisten an.“ Sie hebt die Hand, kein Vorwurf, nur eine Geste. „Es ist möglich. Vieles ist möglich.“
Clara sieht auf ihre Hände und denkt an das Gespräch im Frühjahr, an den Vertriebsleiter, der gesagt hatte, Aufmerksamkeit könne man nicht kaufen, nur verlieren. Sie hatte genickt.
„Ich habe nichts damit zu tun“, sagt sie.
„Das sagen alle“, antwortet Fischer freundlich, dreht sich um und bleibt kurz in der Tür stehen. „Die Vorbestellungen“, sagt sie. „Seit heute Morgen. Haben Sie da etwas Ungewöhnliches entdeckt?“
„Nein.“
„Ich frage nur“, sagt Fischer.
Am Abend ist Clara allein im Verlag. Einen dampfenden Espresso in der einen Hand, klickt sie mit der anderen die Seite der Bestellungen auf, ohne hinzusehen, nippt am starken Kaffee. Dann sieht sie hin. Die Kurve der Neubestellungen geht nach oben, steil, natürlich!
Sie denkt an die Plomben. Kleine graue Dinger, Plastik, mit einer Nummer. Sie hat eine in der Hand gehabt, in der Druckerei, der Spediteur hatte sie ihr gezeigt, fast stolz. Man kann sie nicht öffnen, hatte er gesagt, ohne dass man es sieht.
Man sieht es, denkt Clara, nutzt nichts.
Auf dem Handy leuchtet eine Nachricht auf, eine Nummer, die sie nicht kennt. Glückwunsch, steht da. Sonst nichts. Sie legt das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Draußen ist es mittlerweile dunkel.
Am nächsten Morgen liegt eine Papiertüte vor der Verlagstür, feucht vom Nebel. Clara sieht die Straße hinauf und hinunter. Ein Radfahrer, eine Frau mit Hund, niemand, der sich für sie interessiert. Sie nimmt die Tüte, erahnt ihren Inhalt, in ihrer Manteltasche vibriert das Handy. Ich muss Fischer anrufen, denkt sie, später, jetzt erstmal einen Espresso und nach den Neubestellungen schauen.













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