#WMDEDGT - Jahrgang


Zuerst lag sie im Keller, in einer Holzkiste, dann im Schrank, viele Jahre. Jetzt liegt sie seit drei Jahren im Kühlschrank. Es gab einen Anlass, einen großen, er verstrich. Die Person, mit der Anna die Flasche hatte köpfen wollen, fehlte. Blinis wollte Marthe mitbringen, und Kaviar, die schwarzen Fischeier, und fragte, ob es einen Löffel aus echtem Perlmutt gebe.
Das war vor drei Jahren. Anna wurde sechzig, und es kamen Leute mit Geschenken, guter Laune und Spaß an Musik. Marthe rief am Nachmittag an, es ginge ihr so schlecht, sie komme nicht, es tue ihr leid. Anna sagte, das mache nichts. Dann legten sie auf, und Anna widmete sich den Vorbereitungen ihrer Party. Die Flasche lag kühl im Kühlschrank. Dort liegt sie noch.
***
Jetzt ruft Marthe an, als Anna gerade Blumen auf ihrer Terrasse einpflanzt. Sie nimmt das Gespräch auf Knien an, klemmt das Telefon zwischen Ohr und Schulter, wühlt weiter in der Erde.
„Ich wollte nur noch mal wegen des Löffels fragen."
„Welchen Löffel?", fragt Anna.
„Perlmutt. Für den Kaviar. Mit Edelstahl geht das nicht, das schmeckt dann nach Metall", entgegnet ihr Marthe.
Anna sagt, das wisse sie. Schwerfällig steht sie vom Boden auf.
„Und die Gläser? Ich meine, richtige. Nicht diese breiten."
„Ich schau mal", sagt Anna.
„Das hast du letztes Jahr auch gesagt", meint Marthe.
„Dann schau ich jetzt."
Marthe lacht. „Diesmal bin ich da", sagt sie und legt auf, bevor Anna antworten kann.
Am Nachmittag geht Anna in die Stadt. Es gibt einen Laden in der Nähe des Zentrums, der Haushaltswaren verkauft. Zwei Verkäuferinnen sind mit sich beschäftigt, sehen nicht auf, als Anna das Geschäft betritt.
„Perlmuttlöffel?", fragt Anna.
„Für?"
„Kaviar."
Eine Verkäuferin nickt und zeigt auf ein Regal im hinteren Teil des Geschäfts. Dort liegen Kuchengabeln, Eierbecher, ein Set Spieße für Maiskolben, bunte Löffel aus Plastik, kein Löffel aus Perlmutt.
***
Der Besuch bei Marthe liegt an einem Freitag, weil Marthe da frei hat und Anna keinen Grund findet, das Treffen abzulehnen. Sie nimmt die Straßenbahn. Auf dem Schoß hält sie eine Papiertüte mit Mandelhörnchen, die sie im letzten Moment gekauft hat, damit sie nicht mit leeren Händen kommt.
Marthe wohnt in einem schicken Einfamilienhaus. Sie öffnet die Tür, bevor Anna klingelt, und sagt: „Ich hab dich gesehen."
Auf dem Wohnzimmertisch steht schon das Kaffeegeschirr, zwei große Tassen aus der aktuellen Designerkollektion, natürlich mit Goldrand und goldfarbenen Löffeln, und Anna denkt, dass es so ist, seit sie sich kennen.
„Ich habe mir Champagnergläser angesehen", sagt Marthe. „Im Internet. Es gibt da diese schmalen, wie Tulpen. Das ist wichtig, wegen der Perlage."
„Wegen der was?"
„Der Bläschen, die steigen dann gleichmäßig auf. In den breiten sind sie gleich weg."
„Und was kosten die?", fragt Anna.
„Das ist egal."
„Ich meine nur", murmelt Anna leise.
Sie isst ein Mandelhörnchen, es zerbröselt auf dem Tisch, und sie sammelt die Krümel mit dem Zeigefinger zusammen. Draußen bellt ein Hund. Marthe steht auf und schließt das Fenster.
„Ich hab Angst, dass es nicht schön wird", sagt Anna in Marthes Rücken.
„Was?"
„Unser Abend. Dass wir da sitzen, mit diesem Kaviar, und es sind einfach nur … Fischeier."
„Es sind ja nur Fischeier."
„Du weißt, was ich meine."
Marthe weiß es. Sie weiß auch, dass Anna nicht von dem Abend spricht, der kommt, sondern von dem, der nicht stattgefunden hat. Anna sagt: „Wir könnten auch Schnittchen machen."
Marthe dreht sich ruckartig um, sieht sie an und lacht laut, ihr lautes, ungestümes Marthe-Lachen. „Nein, Freundin, das geht nicht! Wenn schon, dann mit Stil."
Beim Gehen steht Anna schon im Flur, als Marthe sagt: „Ich bring die Gläser mit. Ich kauf sie einfach."
„Das musst du nicht", meint Anna.
„Ich will aber. Dann musst du dich um nichts kümmern."
„Ich kümmere mich um den Löffel."
„Und ich bringe natürlich einen richtig guten Champagner mit", ruft Marthe.
„Brauchst du nicht, der liegt ja schon im Kühlschrank", entgegnet Anna und denkt für sich: „Seit mehr als drei Jahren."
Sie stehen eine Weile in der Tür. Dann, weil niemand sich bewegt, geht das Licht aus. Marthe tastet nach dem Schalter. Anna sagt: „Tschüss, war schön bei dir, bis bald." Sie umarmen sich flüchtig.
In der Straßenbahn fällt ihr ein, dass keine der beiden ein Datum genannt hat.
Wochen später textet Marthe: der Job, die Familie, so viel Stress. Lass uns, wenn dieses Projekt beendet ist, schreibt sie, unsere kleine Feier machen. Anna antwortet mit einem Daumen hoch und legt das Telefon auf den Schreibtisch, neben den Text, den sie gerade bearbeitet.
Mittlerweile ist es Sommer, Annas Blütenmeer strahlt vielfarbig auf der Terrasse, eine Nachbarin kommt mit Ablegern vorbei. Sie stehen in der Küche, möchten etwas Kühles trinken, Anna öffnet den Kühlschrank.
„Ist die noch gut?", sagt die Nachbarin.
„Was?"
„Die Flasche. Jahrgang Zweitausend, wie lange willst du noch warten?"
Anna reicht ihr ein Glas mit kühlem Saft. Nachdenklich ruht ihre Hand auf der geschlossenen Kühlschranktür.
Im Juli ist es heiß. Anna trinkt Bier auf der Terrasse und telefoniert zweimal mit Marthe, über die Hitze und über ein neues Projekt, das diesmal einfacher sein soll als die vorherigen. Von den Gläsern spricht keine. Marthe fliegt nach Ibiza und schickt Fotos von Ferienbegegnungen, die sie beide nicht kennen.
Als Anna über den Flohmarkt am Mainufer schlendert, entdeckt sie an einem Stand mit Besteck, zwischen Brotmessern und Tortenhebern, einen kleinen Löffel mit einem Stiel aus Holz und einer Laffe aus Perlmutt, die irisierend in zarten Pasteltönen schimmert. „Zwei Euro", sagt die Frau am Tisch, ohne aufzusehen.
Anna kauft den Löffel, legt ihn zu Hause in die Besteckschublade. Marthe ruft sie nicht an.
Im August beginnt Marthe wieder, von gemeinsamen Treffen zu reden. Unvermittelt sagt sie: „Dein Geburtstag ist ja im September. Ein Mittwoch."
„Ich weiß."
„Aber nicht bei dir. Und nicht bei mir. Ich such uns was aus."
Sie feiern in einem Restaurant am Main, Marthe hat es ausgesucht, sie sitzen am Fenster, essen Fisch und Fleisch und blicken auf den Fluss. Marthe trinkt Weißwein und Anna Bier. Beim Dessert holt Marthe eine Tüte unter ihrem Stuhl hervor. „Die hab ich noch", sagt sie.
Zwei Gläser, schmal wie Tulpen, jedes einzeln in Seidenpapier. Anna hält eines gegen das Licht, es ist hauchdünn. Ganz klar kann sie das gegenüberliegende Flussufer sehen.
„Die sind für dich", sagt Marthe. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag."
Anna hüllt das feine Glas vorsichtig in Seidenpapier. Versonnen schaut sie dem vorbeiziehenden Schiff hinterher. Marthe folgt ihrem Blick. Beiläufig und für ihre Verhältnisse sehr leise fragt sie:
„Du magst ihn gar nicht, oder?"
„Wen?"
„Den Champagner."
Anna dreht an ihrem Bierglas. „Nein", sagt sie. „Nicht besonders."
„Seit wann weißt du das?"
„Ich glaube, schon immer."
Marthe nickt. Sie wirkt nicht enttäuscht, scheint diese Aussage erwartet zu haben. „Ich schon", sagt sie. „Glaube ich." Sie bestellen noch einen Espresso und trennen sich bald.
Zu Hause stellt Anna die zwei Gläser in den Schrank zu den vielen anderen. Einem inneren Impuls folgend, zieht sie die Besteckschublade auf, sieht den Perlmuttlöffel irisierend zwischen den anderen schimmern und schiebt die Schublade wieder zu. Dann öffnet sie den Kühlschrank. Die Butter, ein Glas Gurken, ein Rest Quark. Dahinter, auf dem untersten Fach, liegt die Flasche, grün und unbeweglich, mit dem Etikett, das sich an einer Ecke zu lösen beginnt. Jahrgang 2000.
Anna denkt, dass sie in dem Jahr noch geglaubt hat, bestimmte Dinge würden von selbst kommen.
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#WMDEDGT – was machst du eigentlich den ganzen Tag? Tja, was machst du den ganzen Tag? Am 5. eines jeden Monats lädt #FrauBrüllen ein, genau das aufzuschreiben. Und viele lesen es. Danke dafür.
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Was ich sonst noch so an meinem 5. Oktober getan habe? Ich weiß zwar nicht, für wen das von Interesse ist, aber gut. Here we go:
Es wurde Tag, wieder einmal. Um sieben läuteten die Glocken, sanft, und der Lieblingsmensch neben mir blinzelte und war wach. Die Sonne kam und trank den Tau der kühlen Nacht, der Himmel wurde blau.
In den Eiben saßen die Drosseln, zahllose, und naschten die roten Beeren. Sie tirilierten und plauderten den ganzen Morgen.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb. Das tue ich öfter, siehe oben. Ein paar Rechnungen wollten bezahlt werden, und das Finanzamt ist der Meinung, wir müssten Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung versteuern. Wir haben nichts, das wir vermieten könnten, und nichts, das wir verpachten.
Irgendwann schlenderte ich mit zwei großen Kartons zum Paketautomaten. Offenbar nahm der ein Sonnenbad, er rührte sich nicht. Im Sommer, vermute ich, ist er innen geschmolzen. Seitdem arbeitet er nur manchmal, nie bei Sonnenschein. Ich zuckte die Schultern und ging zum nächsten. Der stand im Schatten und funktionierte nicht.
Also zum Laden im Viertel, der Zeitungen, Zigaretten und Lotto verkauft und Pakete managt. „Hallo!", rief der Mann und strahlte, er scannte meinen Code, und die Pakete waren fort. „Was für ein schöner Herbsttag", sagte er. Ich stimmte ein, und wir lachten beide.
Mittags gab es Reste, wir nennen das, wegen des spanischen Einflusses, Tapas. Ich rieb die letzten selbst gezüchteten Tomaten von der Terrasse, gab Salz dazu und einen guten Schluck Olivenöl. Dazu frisches Baguette, eine kleine Tortilla, grüner Salat. Und Croquetas, die schon lange im Gefrierfach schlummerten, einst selbst gemacht, die einen mit Huhn, die anderen mit Fisch. Etwas Öl darauf, der Airfryer macht sie heiß und knusprig. Wir aßen im Sonnenlicht und fühlten uns für eine Stunde in Spanien.
Jetzt sitze ich noch immer auf der Terrasse. Gleich ist es sechs, die Luft ist warm, und die Drosseln schnattern, heiter und unbeirrt.
So kann es bleiben.














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