Ich bin kein Renovierungsprojekt
- Christine Ubeda Cruz

- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Meine Gelenke melden sich morgens zuerst. Immer. Wie eine Art lebendiger Wetterdienst – kostenlos und erstaunlich zuverlässig. Ja, ich bin 60plus. Und ich spüre das.
Und ich will ehrlich sein: Älter werden ist nicht immer lustig. Vorausgesetzt „frau” ist gesund, ist es aber auch keine Katastrophe. Auf jeden Fall nicht so, wie einige Industrien es uns vermitteln möchten. Denn wenn ich meine Gelenke mal kurz ignoriere, geht es mir supergut. Und ich finde mich ziemlich in Ordnung, so wie ich bin und aussehe. Leider höre ich das von anderen eher selten. Stattdessen mäkeln sie permanent an sich herum. Und unternehmen „alles", um sich zu optimieren.
Hört das Messen, Abchecken und Vergleichen mit einem, von wem auch immer definierten Optimum denn nie auf? Wer hat entschieden, dass ein bestimmtes Niveau unbedingt gehalten oder dringend wiedererlangt werden muss? Fällt eigentlich niemandem auf, wie unsinnig das ist?
Ja, es ist wichtig, fit zu bleiben – oder es endlich zu werden. Unbedingt. Aber denken die mit sich Unzufriedenen auch mal daran, dass ihr Körper so alt ist, wie ihr Geburtsjahr es aussagt? Dass Knochen, Gelenke und der große Rest heute von einer anderen Qualität sind als mit Anfang 20? Und dass keine Kosmetik ein gelebtes Leben aus dem Gesicht löschen kann. Gut, Botox schafft das wohl. Aber zu welchem Preis?
Seien wir doch endlich ehrlich: Dieser Jungbleiben-Kult, mit dem wir Babyboomer derzeit überall berieselt werden, ist eine unerreichbare Illusion. Ist das gut für uns? Oder eher für Unternehmen, deren Geschäft darin besteht, uns vorzugaukeln, dass nur ihr Produkt…
mindestens die Uhr anhalten, wenn nicht sogar zurückdrehen kann?
die mitunter schmerzhaften Unregelmäßigkeiten des Körpers lindern, wenn nicht sogar verschwinden lassen kann?
die Spuren eines gelebten Lebens modisch oder kosmetisch kaschieren kann?
Ein Filler hier, etwas Farbe dort – und schon ist der Glow der Jugend wieder da. Angeblich. Aber ändert das wirklich unser Befinden?
Ich habe das Gefühl, wir schauen mit einer total verqueren Perspektive auf uns. Statt schuldbewusst dem hinterherzurennen, was längst vorbei ist, könnten wir uns auf das freuen, was wir Neues haben. Zum Beispiel:
Wir sagen endlich Nein. Ohne schlechtes Gewissen, ohne langes Erklären.
Wir kennen unseren Stil. Durch jahrelanges Rumprobieren.
Wir lachen gerne. Über uns selbst, über den Wahnsinn des Lebens und über Dinge, die uns mit 30 noch wütend gemacht hätten.
Wir kennen echte Krisen. Und wissen: Das hier? Auch das wird vorübergehen …
Und unsere Arme? Die sind jetzt offiziell zu kurz. Zum Glück gibt es Lesebrillen in so vielen schönen Farben, dass das fast ein Lifestyle-Accessoire ist.
Ich bin doch kein Renovierungsprojekt, nur weil ich mittlerweile weiße Haare habe und meine Gelenke knacken. Ich bin eine Erstausgabe. Limitiert, im Original – und gut, so wie ich bin.
Ich kann nicht mehr joggen – aber wunderbar entspannt walken. Und wenn ein Schrank von der einen in die andere Ecke soll? Früher hätte ich das alleine gemacht und eine Woche gelitten. Heute frage ich einfach jemanden Jüngeres. Das nennt man übrigens nicht Schwäche, sondern Intelligenz. Und irgendwie ist das auch Teil des Generationen-Deals.
Und weißt du was? Ob du jetzt jeden Morgen dein Longevity-Protokoll startest, Kollagen in den Smoothie rührst und beim Intervallfasten auf die Uhr schaust – oder ob du einfach lebst, lachst, liebst: Beides ist okay. Wirklich. Solange du es für dich tust. Nicht weil ein Instagram-Feed, eine Industrie oder ein gesellschaftlicher Blick dir sagt, du seist so, wie du bist, nicht genug.
Denn das bist du. Du bist gut genug!

P.S.: Mein Beitrag war schon fertig geschrieben, als ich über diesen Song
https://www.youtube.com/watch?v=0GnA8VYOfko stolperte! Hör mal rein! Genau so ist es doch - oder?













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