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  • AutorenbildChristine Ubeda Cruz

Fit und strahlend schwitzen!

Großer runder Spiegel, der die Ansicht eines Hauses auf den Kopf stellt
Die Welt steht Kopf! Eh klar - oder?

Hippe Klamotten, die tollsten Schuhe und wasserfestes Make-up: Was für eine Show! Dürfen wir beim Sport bitte wieder transpirieren und rote Köpfe haben?


Gerade biege ich aus dem Stadtwald in die Straße ein, in der ich wohne. Schwungvollen Schrittes. Bekleidet mit Schlamm verschmierten Schuhen, verschwitzt, strubbelig und etwas kurzatmig. Da sieht mich eine Bekannte auf der anderen Straßenseite. „Geht's dir gut?“, ruft sie besorgt. „Ja, sicher“, antworte ich und verlangsame meine Schritte. „Warum?“ „Du bist knallrot im Gesicht! Du läufst bestimmt schon etwas länger.“ „Ja, antwortete ich, hab' meine Runde durch den Stadtwald gedreht und bin jetzt auf dem Weg nach Hause.“



Schweiß ist nur Fett, das weint!


Bei mir ist das so: Wenn ich Sport mache, schwitze ich. Und zwar so richtig. Kopf, Gesicht und Körper sind schweißnass. Und gerne leuchten meine Wange tomatenrot. So bin ich halt, bzw. mein Körper. Ich mag das. Ich bin gesund, ich mache Sport und mein Körper reagiert, wie die meisten Körper auf körperliche Anstrengungen reagieren. Aber offenbar bin ich mit meinem roten Kopf mittlerweile alleine.



Muss ich jetzt auch im Sport gut aussehen?


Gilt jetzt auch im Sport, und ich spreche hier vom Freizeitsport, dieser ungeschriebene Schönheitskodex, immer strahlend und perfekt sein zu müssen? Macht sich hier ein total unrealistischer und absurder Schönheitsdruck breit? Perfektion in jeder Sekunde unseres Lebens?


Was ich sehe, lässt mich meinen strubbeligen Kopf schütteln. Über den Wunsch, fast Besessenheit, nach Perfektion. Zum Beispiel in meinem Fitness-Studio. Tolle Körper in hautengen, farblich aufeinander abgestimmten Sport-Outfits. Straff zusammen gebundenes Haar. Und einer von mindestens 100 kontrollierende Blicke in die großen Spiegel der Umkleide. Ich sehe Frauen, die sich wasserfestes Make-up auftragen und darüber noch eine Schicht Puder stäuben. Hohe Deckkraft, kein glänzen oder gar verlaufen und eventuell rote Wangen werden so, bevor sie überhaupt entstehen, kaschiert. Dafür erstrahlen die Lippen umso mehr. Dank eines 48Stunden Lippenstiftes. Wohlgemerkt: VOR dem Training!


Später sehe ich diese Frauen aus dem Fitness-Studio wieder. Ich liege mittlerweile frisch geduscht, mit gekämmtem Haar und normaler Wangenröte auf meinem Sofa und swipe durch Instagram. Und sehe ausschließlich: adrette Perfektion! Ganz egal, wohin ich auch wische. Ganz wunderbare „Wunder-Wesen“ stehen in hübschen Sport-Outfits vor dem Spiegel. Und sehen so aus, wie ich gerade. (Wobei: das mit dem wunderbaren „Wunder-Wesen“, das bin nicht ich!) Aber auf jeden Fall frisch geduscht und ohne hochrote Wangen. Der große Unterschied: Die Wesen auf dem Bildschirm meines Smartphones haben (angeblich?!) gerade ein High-Core-Sportprogramm hinter sich gebracht.



Woher kommt der Drang, allzeit perfekt aussehen zu müssen?


Das sich Instagram auf das Körperbild seiner Nutzer auswirkt, ist bereits hinreichend bekannt. Und das gilt längst nicht nur für Jugendliche und junge Menschen. Auch die Generation 60plus kann sich dem Einfluss von Social Media nicht mehr entziehen. Die Themen sind vielfach identisch zu denen der jüngeren Menschen. Instagram nimmt Einfluss, ich möchte sagen, formt das Leben seiner Nutzer. Jede, noch so banale Handlung, soll vorzeigbar sein. Das Frühstück, der Blumenstrauß auf dem Sideboard, natürlich das Sideboard selbst oder mit welcher Leichtigkeit alltägliche Handlungen erledigt werden. Das formt. Trainiert ein Bild, wie leicht und schön das Leben ist. Auch beim Sport.



KANN DAS BITTE WIEDER AUFHÖREN?


Ich habe diesen Perfektionismus satt! Ich möchte einfach loslaufen – ohne Styling-Plan für meine Sportklamotten. Und ich liebe es, schweißnass und mit rotem Kopf wieder zu Hause anzukommen. All das ist das echte Leben. Meine Körpertemperatur steigt, die Blutbahnen weiten sich und schimmern durch die Haut. Das sorgt für rote Wangen. Ich schwitze an Kopf und Rücken, mein Hals ist feucht. Und ich bin glücklich. Ich lebe. Und das macht jeden Moment so unendlich kostbar. Schön und leicht.


Und dann würde ich gerne noch den Menschen, die beim Sport ihr Aussehen versuchen zu optimieren, ganz laut zurufen wollen: Gebt einfach auf!!! Genießt die schweißtreibende Seite des Sports. Locker, leicht und unverkrampft. Mit roten Wangen. Schwitzend. Und rennt denen in perfekter Sport-Funktionskleidung und Make-up einfach davon!

Das macht so viel mehr Spaß!

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Gast
09. Juni

Liebe Christine,

du sprichst mir so aus dem Herzen! Ich bin ja durchaus eitel, aber beim Sport ist mir wichtig, dass die Teile gehalten werden, die sonst aus der Kleidung fallen würden (beim Schwimmen), dass ich angemessen temperiert sein kann und dass meine Füße die richtige Unterstützung bekommen beim Walken. Sonst brauche ich nicht viel. Fürs Kieser-Training habe ich mir sogar alte T-Shirts meines Vaters mitgenommen. Und ja, ich gehöre auch zu denen, die fröhlich transpirieren und durchaus einen roten Kopf bekommen, das finde ich fein! Es zeigt mir, dass ich etwas für mich tue und dass mein Stoffwechsel funktioniert. Hiermit solidarisiere ich mich ausdrücklich mit dir und allen Frauen, die sich bewegen, weil sie sich gern bewegen, und denen…


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