• Christine Ubeda Cruz

Wie ich mal wieder (fast) nichts zustande brachte


Die Welt liegt mir seit einem Jahr zu Füßen. Ich bin im Sabbatical. Endlich kann ich all die Pläne und Projekte angehen, für die ich sonst nie Zeit hatte. Also los! Oder eben auch nicht…


Ich bin frei. Notgedrungen viel zu Hause. War ja fast die Ganze Zeit Lockdown. Habe also paradiesisch viel Zeit um all die schönen Dinge zu tun, für die ich nie Zeit fand.

Doch nun sitze ich hier und suche fast Händeringend nach diesen schönen Dingen, die ich immer tun wollte. Ich suche nach der Muße. Meiner inneren Ruhe. Und nach meinen Träumen. Doch: Was sind meine Träume? Was wollte ich schon immer mal machen, wenn ich Zeit hätte? Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Hatte irgendwie nie Zeit darüber nachzudenken. Mir eine Vision auszumalen. Von was ganz Tollem zu träumen. Meine Interessen sind (noch immer) eher ganz praktischer Natur…


Mein halbes Leben lang sage ich mir: „Wenn ich endlich mal Zeit habe, lerne ich Spanisch. Aber so richtig. Mehr als nur "Cerveza" und "gracias". So, dass ich mich gut unterhalten kann. Mit dem spanischen Teil meiner Verwandtschaft.“ Aber - es ist halt immer irgendwas.


Oder: „Wenn ich nur Zeit hätte, würde ich Sport machen. Jeden Tag mit einer halben Stunde Fitness beginnen. Meinen Rücken trainieren. Schwimmen gehen.“ Aber es ist wie immer: NICHTS.


Pandemie. Lockdown. Vollbremsung. Bis Juni. Da konnte ich mich mit der Ausrede - es geht ja nix, es hat alles zu - gut rausreden. Aber jetzt zieht diese Ausrede so gar nicht mehr... Fast alles ist wieder möglich. Klar - Manches anders als sonst. Da muss man sich drauf einlassen. Es ist aber möglich.

RUNDUM ERMÜDUNG


Aber - ich komme nicht so richtig aus dem Quark. Bin immer noch in einer sanften Dauer-Bremsung. Habe mich in meinem kleinen Reich gut eingerichtet.


Durch die Pandemie und den Lockdown wurde irgendwie die Zeit angehalten. Die allermeisten sozialen Verpflichtungen waren auf einmal weg. Reisen ging nicht. Abends ausgehen auch nicht. Sprachschule in Präsenz - no Go! Das Fitness-Studio - zu. Gute Freunde treffen - stark eingeschränkt. Eigentlich war alles, was ich gerne machen wollte, mit einem Streich weg. In der gewohnten Form. Und ich erstarrte. Ein wenig. Zuckte mit den Schulter: Tja, Mist - geht ja nicht! Und arrangierte mich mit dem Unvermeidbaren.


Alles war klein. Begrenzt. Das kostete Kraft. Diese Dauerbremse, diese Verunsicherung, Angst vor Ansteckung. Das machte schlapp. Antriebslos.

Bullshit. So einiges wäre sehr gut gegangen. Wo ein Wille ist, ist auch ein…

Spanisch hätte ich easy über eine App oder einen Online-Kurs starten können. Rückenfitness auch. Und doppelt geimpft bin ich auch schon ewig.


Natürlich habe ich sofort zig gute Gegenargumente parat. Ich brauche Menschen zum Lernen - geht nur mit Präsenzunterricht! Es ist so eng in der Wohnung. Ich fürchte mich vor einer Ansteckung.


Sind aber - ehrlich gesagt - faule Ausreden! Offenbar sind die beiden Wünsche „Spanisch lernen“ und „Sport“ nicht meine innigsten Herzens-Wünsche!?

Ziellos und Dümmer?


Wenn ich mich so in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, geht es vielen so. Die Pläne und Ideen waren da. Groß. Bunt. Und visionär. Allein es mangelt in der Umsetzung.


Kennst Du wirklich jemand, der jetzt endlich Klavier übt? Mehr als vorher? Oder plötzlich mit sportgestählten Muskeln aufwarten kann? Spanisch fließend spricht - dank dauerhaftem Unterricht per App?


Also ich nicht. Erst müsste das Klavier gestimmt werden. Oder die Wohnung müsste umgeräumt werden. Für mehr Platz. Wäre alles kein Problem gewesen. Aber wir haben uns so daran gewöhnt, die vielen kleinen Ausreden vor uns herzuschieben. Wie das Herbstlaub vor unseren Füßen. Und uns irgendwie in unserer Begrenztheit eingerichtet. Die großen Ziele sind verpufft. Die Energie gleich mit.


In einer Kolumne habe ich folgendes Zitat gelesen:


„Wenn nicht mal eine globale Pandemie mich dazu bringt, endlich mit Yoga anzufangen, dann schafft es nichts und niemand. In dieser Erkenntnis steckt auch ein gewisser Friede“

Joel Golby


Stimmt - oder? Wenn ich mir eingestehe, das ich weiterhin spanisch nur „radebreche“ und meine Familie mich trotzdem versteht, bin ich total entspannt. Passt schon…, funktioniert schon seit Jahren ganz gut. Und ich bin fein mit mir. Das ich noch immer nicht den Spanisch-Kurs begonnen habe.


Eines habe ich aber doch getan: Filme-Streaming entdeckt! Ja, ich weiß, da bin ich ein Spätzünder. Ist wahrscheinlich schon wieder out. Aber ich bin jetzt dabei. Und hab‘ so unendlich viel Neues entdeckt. Und gelernt. Oder macht das dümmer?


Einige Studien oder deren Interpretationen verbreiten, dass uns das „Nichtstun“ dümmer macht. Andere kluge Menschen, und an die halte ich mich, sagen:


„Manche Regionen im Gehirn sind stärker gefordert als zuvor, andere viel weniger stimuliert. Dass sich diese Areale irreversibel verändern, ist aber nicht der Fall. Es wird nach der Pandemie kein ‚Lockdown-Gehirn‘ geben.“

Henning Beck, Neurowissenschaftler


Das ist doch beruhigend - oder? Und jetzt sind wir ja alle wieder deutlich aktiver. Und stimulieren die bisher wenig beanspruchten Regionen unseres Gehirns. Manche sagen auch, dass es ihnen „gut getan“ hat - diese ruhigere Zeit. Ohne die ganzen sozialen und anderen Verpflichtungen. Und sie jetzt gezielter vorgehen. Mit wirklicher Liebe und Leidenschaft. Manch „Unnützes“ abgeschafft haben. Und jetzt genau das machen, was sie möchten!


Schön - oder?


Und ich habe natürlich nicht nix gemacht. Ich habe an diversen Trainings teilgenommen. Virtuell. Viel gelernt. Habe meine Webseite gebastelt. Mit meinem Lieblingsprojekt gestartet. Mit meinem Blog. Ich schreibe. Hab’ auch schon ein paar Fans. Komisch - davon habe ich früher nie geträumt. Weder vom Schreiben. Noch von Fans, die meinen Blog abonnieren.


Danke ihr Lieben! Ihr motiviert mich. Und spornt mich an, weiter zu machen…

Schreiben ist mein großer Traum! Jetzt!


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