Wenn das Gehirn mitschwitzt – ein sommerlicher Überlebensbericht
- Christine Ubeda Cruz

- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Es ist heiß. Ihr spürt es selbst: richtig heiß! So ein existenzielles, alles-in-Frage-stellendes Heiß. Eines, bei dem ich sehr früh am Morgen die Augen aufmache und mich irritiert frage, ob ich versehentlich im Backofen übernachtet habe.
Draußen: >31 Grad.
Drinnen: >29 Grad.
Der Unterschied ist, nun ja, graduell. Aber immerhin: Drinnen habe ich einen Ventilator. Und Rollos. Und die stille, tiefe Überzeugung, dass beides hilft.
Das Wohnzimmer liegt in selbst auferlegter Dunkelheit, weil ich die Rollos schließe, bevor die Sonne aufgeht. Schon das ist herausfordernd. Um wenigstens den Versuch zu wagen, mich gegen die Hitze zu stemmen, bin ich bereit, kurz nach 5 Uhr !!! aufzustehen und Jalousien zu bedienen. Das nenne ich Motivation. Und ihr wisst jetzt: Die Fenster des Wohnzimmers schauen Richtung Osten. Der Sonne entgegen.
Das Gehirn. Häh, welches Gehirn?
Mein Körper schwitzt. Er weiß, warum er das tut. Der Schweiß übernimmt die Aufgabe einer körpereigenen Klimaanlage. Coole Sache – oder?
Fühlt sich nur nicht cool an. Mir rinnt das Kondenswasser dieser körpereigenen Klimaanlage vor allem vom Kopf. Und da befindet sich, ja, ihr ahnt es: das Gehirn. Und somit das eigentliche Problem.
Ich starre gedankenverloren durch die Gegend und weiß plötzlich nicht mehr, über was ich gerade nachgedacht habe. War es der ultimative Kühlungs-Hack? Die Frage, ob Eichhörnchen träumen? Oder das Rezept eines deftigen Schweinsbratens, den ich nie zubereiten werde?
Das Gehirn hat kurz die Verbindung getrennt. Hitzepause.
So sitze ich also im Halbdunkel, schaue auf nichts Bestimmtes und denke an... irgendetwas. Das macht mich erstaunlich friedlich. Vielleicht ist das der einzige echte Tipp gegen Hitze, den niemand im Internet postet: einfach mal das Denken auf Sparflamme stellen. Der Körper weiß, wie er das macht. Man muss es ihm nur erlauben.
Das Internet, das ZDF – sie meinen es gut. Wirklich.
Ich habe natürlich nachgelesen. Und geschaut. Denn selbst das ZDF sieht sich veranlasst, uns mit einer Sondersendung zu informieren. Moderatorin und Experten schwitzen sich gemeinsam durch Hitzetipps, die wir – Spoiler – alle schon mal irgendwo gelesen haben. Aber gut: Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Lage für sondersendungswürdig hält, nehme ich das ernst. Also, was tun?
Handgelenke unter kaltes Wasser halten. Gemacht. Hat gefühlt 90 Sekunden geholfen. Tut gut! Zusatz-Hack: Ich fange das Wasser auf. Für Vögel, Insekten, Pflanzen auf der Terrasse.
Feuchte Tücher in den Nacken legen. Sehr angenehm. Bis das Tuch warm wird. Nach gefühlt 3 Minuten.
Pfefferminzöl auf die Schläfen. Meine Haut reagierte irritiert. Ich auch.
Eine Schale mit Eis – habt ihr Erfahrung, ob Vanille besser geeignet ist als Zitronensorbet? – bzw. gefrorene Wasserflaschen vor den Ventilator stellen. Fazit: Das Eis ist in wenigen Minuten weg. Der Raum kurz leicht feucht. Die Temperatur: konstant.
Abends lüften, wenn es kühler ist. Kühler als was? Als tagsüber? Ja, 33 Grad statt 38 – das macht's!
Die Tipps geben einem etwas zu tun. Und das ist vielleicht der eigentliche Zweck: Beschäftigung. Minimalste Bewegung. Das Gefühl, aktiv gegen die Hitze anzukämpfen, während man in Wirklichkeit mit einem feuchten Lappen im Nacken auf dem Sofa liegt.
Sport? Bewegung? Bitte was?
Es gibt Menschen, die laufen bei 36 Grad. Ich sehe sie. Ich verstehe sie nicht. Am Sonntag steht die IRONMAN FRANKFURT EUROPEAN CHAMPIONSHIP an. Die Veranstalter haben die Distanzen hitzebedingt gekürzt: statt 42 km laufen die Athleten „nur noch" 21 km durch die heißen Hochhausschluchten Frankfurts, der Radparcours wurde von 180 auf 125 km reduziert. Die Schwimmstrecke im Langener Waldsee bleibt bei erfrischenden 24 Grad Wassertemperatur unverändert. Chapeau an alle Teilnehmenden.
Bei mir reicht schon das Aufschneiden einer Wassermelone, um in einen leichten Schweißfilm zu geraten. Das nehme ich gerne hin. Denn diese große Frucht ist derzeit meine beste Freundin – kalt, süß, wasserreich, keine Ansprüche.
Dazu widme ich mich der neuesten saisonalen Trendsportart: dem Ventilatorschleppen! Vom Wohnzimmer in die Küche, weiter ins Arbeitszimmer. Mein Workout: schleppen – bücken – Verlängerungskabel suchen – Stecker rein – erschöpft aufs Sofa sinken. Das ist mein CrossFit.
Apropos Ventilator: Er hat in den letzten Tagen Erstaunliches aufgewirbelt. Dinge, von denen ich nicht wusste, dass sie noch existieren. Ein Kassenbon von vor vielen Jahren. Ein Zettel mit einer Telefonnummer und dem Kommentar „wichtig!!!" – von wem, wann, warum: vollkommen unklar. Und zart-weiße Wollmäuse, die kurz aufstiegen und dann verschämt hinter die Kommode flogen.
Fridoline, die Vögel und die Schnecken
Trotz der Hitze trage ich Verantwortung. Leicht zu vergessen, wenn man selbst kaum funktionsfähig ist – aber es gibt da noch andere.
Die Vögel zum Beispiel. Die brauchen Wasser. Ich fülle täglich mehrmals die Vogeltränke. Fühlt sich an wie ein kleiner Beitrag zur Weltrettung, der mich gleichzeitig zwingt, kurz das abgedunkelte Zimmer zu verlassen, nur um sofort wieder reinzugehen.
Dann sind da die Fridolins. So nenne ich die Eichhörnchen – alle – die durch die umliegenden Gärten tollen. Oder tollen würden, wenn es nicht so heiß wäre. Gerade laufen sie in Zeitlupe. Kurze Pausen auf halbem Weg zwischen Baum und Boden. Ich glaube, wir verstehen uns gerade sehr gut, die Fridolins und ich.
Und dann die Insekten. Ich habe eine Wasserschale hingestellt, mit Kieselsteinen, damit niemand ertrinkt. Gut gemeint und auch gut. Nur: Wer kommt da wirklich? Die Bienen, die ich erhofft hatte? Möglich. Aber mit erstaunlicher Regelmäßigkeit auch meine „besten Freunde", die Schnecken. Zufrieden schauen sie mich an, als hätte ich jede einzelne persönlich eingeladen – erst erfrischen, dann meine Tomaten annagen.
Vielleicht habe ich das ja. Ich weiß es nicht mehr. Gehirn. Hitze. Ihr wisst schon.
Die schwitzende Hoffnung auf nächste Woche
Ich greife zu oft zum Handy, zur Wetterapp. Mein ständiges Studium, mein Horoskop, mein Hoffnungsträger.
Und die App sagt: Nächste Woche Gewitter, Regen, Temperaturen um 28 Grad. Ich freue mich. Wirklich. Auch wenn ich weiß, dass diese Wetter-Konstellation ihre eigenen Herausforderungen mitbringt: nasse Sitzpolster, die ich natürlich nicht rechtzeitig reingetragen habe.
Aber das ist dann. Jetzt ist jetzt. Jetzt ist "HEISS". Jetzt ist Zeit für Wassermelone, Ventilator, Fridolins in Zeitlupe und ein Gehirn, das irgendwo zwischen „gleich" und „egal" pendelt.
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Gemeinsam sind wir Ventilator.
Bleib kühl. Irgendwie.
*Wir ignorieren heute einfach mal die Abwärme, die die Datenleitung produziert. Um darüber nachzudenken ist es viel zu heiß.*














Liebe Christine,
da müssen wir jetzt durch. 😂
In einem halben Jahr ist Weihnachten. Da jammern dann alle wieder über die Kälte und den Regen.
Ich würde dich ja gerne freundschaftlich drücken und dir Mut zusprechen. Aber auch dazu ist es jetzt zu heiß. Dein nächster Beitrag ist sicher etwas kühler als jetzt.
Grüßle von Edith