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Vom Glanz der echten Jahre

  • Autorenbild: Christine Ubeda Cruz
    Christine Ubeda Cruz
  • 12. Juli
  • 2 Min. Lesezeit
Gestrickte Maske in gelb, rot, schwarz

Alt werden wollen viele – jedoch mit der Haut, der Gesundheit und dem Körper von gestern. Oder von vorgestern. Und wenn möglich, mit dem Energielevel eines jungen Erwachsenen. Die Sehnsucht nach ewiger Jugend ist nicht neu. Nur – früher wurde magischen Kräften vertraut. Heute den Fähigkeiten der Ärzte und der Wissenschaft.


Neulich stand ich vor Lucas Cranachs Meisterwerk „Der Jungbrunnen“ in der Berliner Gemäldegalerie und dachte mir: Wie praktisch wäre das. Einmal kurz eintauchen und zack – faltenfrei, frisch, gesund und voller Elan. Nur seltsam: Männer steigen gar nicht erst rein. Also auf dem Bild von Cranach. Die stehen entspannt daneben, gucken zu und sagen: „Ach, das regelt die Liebe einer jungen Frau schon für mich.“


Früher träumten Menschen vom Jungbrunnen. Heute gibt es Botox, Filler, Kältetherapie, Beauty-Docs und Biotech-Forschung. Wer genug Geld hat, lässt sich die ewige Jugend einfach auf Rezept verschreiben – oder gleich von einem Harvard-Forscher ins Blut injizieren.


Neulich dann diese XXL-Hochzeit in Venedig. Alte Paläste, prickelnder Champagner und jung aussehende Menschen mit „Masken-artigen“ Gesichtern, die sich auch bei der dritten Bussi-Bussi-Umarmung keinen Millimeter bewegen. Das waren nicht die traditionellen, alten Karnevalsmasken. Es waren echte, fest gespritzte.


Ich habe die Bilder gesehen und dachte: Diese Hochzeit war nicht nur eine Liebesbekundung zweier Menschen, sondern ein stilles, aber deutliches „Ja, ich will“ zu Hyaluron, Lip Flip und dem großen Zauberstab der ästhetischen Medizin. Wie ähnlich alle aussehen! Als hätten sie vorher identische Moodboards beim Schönheitschirurgen eingereicht. Irritiert fragte ich mich: Gibt es globale Schönheits-Standards? Oder ist der Beautyindustrie tatsächlich gelungen, was Religion, Politik und Social Media noch nicht geschafft haben: eine weltweite Einheitsbewegung mit dem Glaubensbekenntnis: Vertraue auf Botox, auf dass du nicht welkst!?



Dorian Gray würde sich glatt wieder erkennen


Während ich das schreibe, fällt mir Dorian Gray ein. Der gute Dorian aus Oscar Wildes Roman lässt sein Porträt für sich altern, während er selbst ausschweifend, faltenfrei und frei jeglicher Moral durchs Leben tobt. Damals, 1890, eine literarische Provokation. Und heute? Ich stelle mir vor, Oscar Wilde wäre jetzt am Leben. Er hätte vermutlich endlich einen zweiten Roman geschrieben. Vielleicht mir dem Titel: "Vom Glanz der echten Jahre". Die Protagonistin: eine moderne Hauptfigur, mit Mut zu Falten, Dellen und zum Lächeln mit echten Krähenfüßen. Eine Person, die Fältchen nicht wegmacht, sondern trägt – wie eine Auszeichnung. Die nicht Angst hat, zu altern, sondern stolz darauf ist, leben zu dürfen. Und inmitten einer Welt glatter Masken wäre diese Figur vielleicht die einzige, die wirklich sichtbar wäre …


Eine schöne Vorstellung, oder?


Denn: Ewig jung bleiben? Ich nicht. Heißt es nicht so schön: Wer Spuren hinterlässt, hat gelebt. Wer Falten hat, hat gelacht. Ich nehm’ das so hin und bin eine "schon länger nicht mehr ganz junge Frau" mit Ecken, Kanten und echten Lachfalten. Und bleibe sichtbar. Bis es vorbei ist. Irgendwann.

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