• Christine Ubeda Cruz

Tschüss hektisches Sein. Hallo Leben.


Reduzieren. Aussortieren. Trennen. Verabschiedung - hippe Themen in Zeiten wie diesen. Eine ganz Meute Berater wittert Morgenluft und bietet Coachings, Videos, Podcasts oder ganz klassisch Ratgeber-Bücher an. Und alle versprechen einen Gewinn. Aber was gewinne ich? Oder wer? Und brauche ich dafür wirklich einen Coach oder Ratgeber?


Ich kenne eine Frau, nennen wir sie Trixi, die hat alles. Scheinbar. Erfolg im Beruf. Einen großen Dienstwagen. Anerkennung. Viel Arbeit. Noch mehr Druck. Das mit dem Druck ist meine Mutmaßung. Denn sagen tut sie das nie. Es ist halt viel zu tun. Sie trägt Verantwortung. Und will niemanden enttäuschen. Klar verdient sie Geld. Und zeigt es auch. Schicke Klamotten. Mitgliedschaft in einem luxuriösen Fitness-Club. Tolle Reisen rund um die Welt. Immer weit weg. Aber nur ganz kurz. Maximal ein verlängertes Wochenende. Weil - ja die Arbeit! Sie scheint ein wahres Organisations-Talent zu sein. Managt alles. Job, Familie, Freunde und nebenbei noch Hobbys. Sagt sie.


Und klar ist sie immer up-to-Date! In und mit allem. Das neueste Handy, der aktuellste Look, immer perfekt sitzende Haare und top-lackierte Fingernägel. Das sie dann auch noch ziemlich genau weiß, was in der Welt so politisch, wirtschaftlich oder kulturell angesagt ist, ist fast eine Banalität.

Und ich frage mich manchmal: Wann sitzt Trixi einfach mal auf’m Liegestuhl, nippt an einem leckeren Getränk und liest die Bunte? Einfach so, weil es so schön banal ist… keine wirklich wichtigen Inhalte vermittelt und völlig irrelevant ist. Oder blödelt ausgelassen mit Freundinnen?


Denn - selbstredend - so etwas macht sie nicht. Bringt ja nichts. Monetär und auch nicht intellektuell. Taugt allenfalls für Small-Talk, und den verabscheut sie - siehe „bringt ja nichts…“


Ein Leben in Perfektion. Wirkt mühelos. Wie ein perfektes Leben. Oder das, was wir denken, was ein perfektes Leben sei. Aber ist es das?

Die Wende


Dann kommt Corona. Diese weltweit grassierende Pandemie. Zuerst ein Dienstreiseverbot von Seiten der Firma. Dann der Lockdown. Trixi und Millionen andere Menschen müssen zu Hause bleiben. Was für eine Umstellung! Kein Taxi, keine Lounge, kein Rollkoffer, kein Zug oder Flug irgendwo hin. Die ersten Tage kann Trixi genießen. Ist doch mal ganz schön, etwas länger schlafen zu können und in Ruhe die Morgenroutine zu absolvieren. Homeoffice ist kein Problem. Mit der Technik kennt sie sich ja aus. Geschniegelt und gestylt absolviert sie die ersten Videomeetings. Funktioniert ganz gut. Bietet aber wenig Glanz. Es fehlt die Möglichkeit des großen Auftritts. Die feinen Schwingungen der Meetings können Teams und Zoom nicht übermitteln. Und auch die kleinen Regungen von Gesprächspartnern am Konferenztisch entgehen häufig der Kamera. Aber hey, was soll’s. Das geht vorbei. Irgendwann. Hoffentlich.



LAISSEZ FAIRE? Oben hui - unten pfui


Langsam entspannt Trixi. Genießt die Vorteile des Rumpfkinos. Im Video sehen die Teilnehmer außerhalb ihres Heim-Büros nur den Kopf und im besten Falle den halben Rumpf. Sie wird relaxter. Uroma würde sagen: Was ist das denn für ein „Laissez faire“? Oben hui - unten pfui! Trixi ist nach wie vor perfekt geschminkt, die Frisur sitzt. Und sie trägt modische, Kamera-taugliche Oberteile. Schnell hat sie das Homeoffice aufgerüstet - mit Greenscreen, passendem virtuellem Hintergrund, optimalem Licht, guter Kamera und perfekter Haltung. Nach außen wirkt sie - wie immer!


Aber wie gesagt - Uroma würde missbilligend die grauen Locken schütteln - „Untenrum“ trägt Trixi ihre alte, ausgebeulte und verwaschene Jogging-Hose. Die, die sie seit Jahren ganz hinten unten im Schrank verwahrt, falls sie jemals wieder renovieren sollte. Und dazu die handgestrickten Socken von Schwiegermama.


Uromas „Laissez faire“ setzt sich langsam schleichend auch in anderen Bereichen weiter fort. Doch Trixi findet das gar nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Sie fühlt sich befreit. Entspannt. Genießt es, endlich mal ihre Miete abwohnen zu können. Die tolle Terrasse zu genießen. Sich an den Eichhörnchen im Garten zu erfreuen. Anfangs bestellt sie noch Essen in den Lieblingsrestaurants ihrer Stadt. Holt es ab oder lässt es liefern. Merkt aber irgendwann, dass das nicht vergleichbar ist mit dem Besuch im Restaurant. Es fehlt der Kick der Aufmerksamkeit. Der Glamour. Ganz zu schweigen von Qualität. Aufgewärmten Essen aus Pappschalen.

Es ist ganz egal, was um Dich herum passiert. Was zählt ist was auf DEINER Yogamatte passiert!

Mandy Morrison


Und das gilt irgendwie doch auch für‘s ganze Leben. Und für einen selbst. Denkt Trixi. Sie erobert endlich ihre Küche. Dort, wo bisher allenfalls perfekter Café aus dem blank geputzten Vollautomaten ins Geschirr tröpfelte. Sie beginnt, ihre spiegelblanken, auch nach Jahren noch neuen, Messer, Töpfe und Pfannen zu benutzen. Und entdeckt eine ganz neue Leidenschaft: Das Kochen! Spürt die fast psychedelische Kraft des Gemüse-Schnippels und Kartoffelschälens. Verfolgt mit Spannung den Prozess, wenn kühles Fleisch auf heißes Fett in der Grillpfanne trifft. Das Zischen des Öls, das Knistern des Eiweißes. Atmet mit Genuss die entstehenden Röstaromen ein.

DAS BIN ICH MIR WERT


Sie entdeckt für sich Langsamkeit, Besinnlichkeit und Muse. Und fühlt sich immer mehr angekommen. Bei sich selbst. Probiert Neues aus. Auch an sich selbst. Zum Friseur mit Maske? Hey - so what! Dann lass ich die Haare jetzt mal wachsen. Wird schon - irgendwie. Schritt für Schritt verändert sich ihr gesamtes Styling. Sie wird sich gewahr, dass sie sich immer für „die Welt da draußen“ gestylt hat. Aber nie „nur“ für sich selbst. Und das sie immer perfekt sein musste - dachte sie! Jetzt spürt sie, dass sie sich wohlfühlen möchte. Und dabei gut ausschauen - aber das in erster Linie für sich selbst. Sie wird weicher - optisch aber auch innerlich. Gelassener, großmütiger und großzügiger. Mit sich und mit anderen.


Das alles empfindet Trixi als großen Gewinn. Als unschätzbaren Wert. Mit nichts, was sie vorher erlebt hat, zu vergleichen. Und mit nichts zu bezahlen.


Sie will und wird in ihre „alte Rolle“ nicht mehr zurückkehren. Auch wenn diese vermaledeite Pandemie hoffentlich irgendwann einmal vorbei sein wird und alle wieder frei sind, das zu tun, was sie glauben tun zu müssen.


Trixi hat für sich erfahren, was es heißt, bei sich angekommen zu sein. Zufriedenheit und kleine, aber ganz besondere Glücksmomente. Sie mag dieses „andere Ich“. Ihre Lieblingsmenschen übrigens auch. Trixi freut sich. Auch auf die nächste Reise. Mit Taxi, Lounge, Flug und tollem Hotel an einem fernen magischen Ort. Aber mit ganz viel Ruhe und Genuss.

Davon habe ich mich verabschiedet…

und das habe ich gewonnen…

Lautete der Schreibimpuls in Annas letzter Blognacht.

Herzlichen Dank, liebe Anna, für diesen Schupser. Hat bei mir viele Themen wachgeküsst. Ich glaube, weitere Beiträge werden hier auf’m Blog folgen :-) - irgendwann…

#bloggenmitanna

#blognacht


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