• Christine Ubeda Cruz

Ich liebe es, zu Hause zu sein! My home is my castle

Aktualisiert: 26. Juli 2021



Sonntag, 25. Juli 2021


Kennst Du das auch? Es gab mal eine Zeit, da warst Du immer draußen, unterwegs. Überall schien es besser zu sein als zu Hause. Und auf einmal findest Du es auch ganz schön, bei Dir zu sein. In deinem Nest. Oder Schloss. Auf deiner Couch. In den eigenen vier Wänden. Wie kommt das? Der Versuch einer Spurensuche…



HUMMELN IM HINTERN


Früher wollte ich nur raus und weg. In die Welt. Hatte Hummeln im Hintern. Ein Tag im Bett vergammeln? Lange schlafen, faulenzen, das Bett, die eigene Wohnung zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens zu machen? Das ging gar nicht. Egal ob ich alleine oder mein Traumprinz mit mir war. Fühlte mich eingesperrt. Musste raus. Spürte eine tiefe, unbestimmte Unruhe. Hatte Angst etwas zu verpassen.

Stockdunkel - was für eine Qual! Beklemmung. Schnappatmung. Rollo oder Vorhang mussten immer ein Stück offen sein. Eine Ahnung von draußen zu mir reinlassen. Dann war es gut. Alle Fenster und Türen zu - Hilfe! Hüsteln und hustend half kaltes Wasser für den Mikro-Moment des Schluckens. Und dann nur das aktive Tun. Eine Tür oder Fenster öffnen - wenigstens einen klitzekleinen Spalt. Luft...


Stundenlang auf‘m Sofa rumgammeln und Filme gucken - Höchststrafe für mich! Ich hier, inaktiv und festgebunden auf der Couch. Und da draußen dreht sich die Welt weiter ohne mich - unvorstellbar. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit.

Und dementsprechend sah dann auch mein Leben aus. Ein großer Treiber war die Arbeit. Ich machte alles. Fühlte mich für alles, jeden und jedes Verantwortlich. Die (wenige) Freizeit musste dann auch noch sinnvoll und vor allem aktiv genutzt werden. Also wieder raus. Hier ein Fest, dort Freunde, ein Museum, eine Stadt die besucht werden wollten. Oder eine Reise, ein Ausflug. Alles war besser als ruhige Beschaulichkeit zu Hause…


Irgendwo hab’ ich den Begriff Fomo, kurz für «Fear of Missing Out» aufgeschnappt. Der bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen. Das war wohl das Symptom für meine Ruhelosigkeit.

SCHLAFEN KANN ICH AUCH NOCH WENN ICH TOT BIN

war mein Credo!

Toll war mein Leben! Bewegt, aufregend. Bereichernd, lehrreich, emotional. Aktiv und kreativ. Ressourcen raubend. Die der Erde und meine. Trotzdem: Ich möchte keinen dieser viel zu vollen Tage, Wochen und Monate missen. Ich habe Zeit mit wunderbaren Menschen verbracht. Mit ihnen gefeiert, geweint und gelacht. Lebensabschnitte begleitet und miterlebt. Ich habe viele Länder, Städte, wunderbare Ort bereist. Menschen, Gewohnheiten und Kulturen genosse.


Und ich „brannte“ für meinen Job. Hab’ ihn geliebt. Er war für mich mehr Berufung als Beruf. Bot viel Platz für kreative Ideen. Und tolle Begegnung mit spannenden Menschen. Viel Bewegung, reichlich Herausforderungen und schöne Erfolge.

Einmal sagte ein Freund zu mir: „Wann willst Du eigentlich mal Deine Miete abwohnen?“

„Für was hast Du überhaupt eine Wohnung? Bist ja eh nur zum Schlafen ab und an da. Oder zum Wäschewaschen und Koffer packen.“

Tja, da hatte er einen wunden Nerv bei mir getroffen. Ich musste ihm, widerwillig, Recht geben! Was trieb mich einfach immer wieder raus, weg von Zuhause? Schnell hatte ich diese Fragen verdrängt und weiter ging die wilde Jagd nach… was? Ja, was eigentlich?

STOPP! UND EINE ANDERE ZEITRECHNUNG


Und jetzt? Ist alles anders...

Erst wurde ich krank. Konnte den Trubel da draußen nicht mehr ertragen. Der machte mich wahnsinnig. Ich verfiel ins krasse Gegenteil. Kam gar nicht mehr aus‘m Bett raus. Mein abgedunkeltes Schlafzimmer war mir der liebste Ort. Sollte die Welt sich da draußen doch weiter hohldrehen - ich war raus! Aus dem Karussell rausgepurzelt direkt in mein muffiges aber sicheres Bett. Das Draußen nervte nur noch. Ab und an blitzte etwas Wehmut auf. Erinnerungen an die alten Zeiten in der Fremde. Da draußen. Doch schnell übernahm eine trauriigkeit wieder die Macht und schmiegte mich in mein Kopfkissen.


Ich war wie gelähmt. Komplett Mut- und Interesselos. Nichts hatte mehr eine Bedeutung. Jeder einzelne Schritt kostete so unendlich viel Kraft. Selbst die Verlockung der weltbesten Hefe-Zimt-Schnecken konnten mich nicht dazu verleiten die Wohnung für den kurzen Weg zum Bäcker zu verlassen.

Zum Glück bin ich jetzt wieder gesund. Und freue mich über die kleinen Höhepunkte. Zum Beispiel den beim Bäcker mit den leckeren Zimt-Schnecken. Gibt‘s gerade jetzt auch mit Kirschen. Und ich lache mit der Nachbarin über ihr drolliges Hundewelpen. Ich kannte die Frau gar nicht, war ja nie da.

STAY AT HOME!

Hat für mich jetzt, neben dem Gesundheitsschutz in Pandemiezeiten, eine ganz neue Bedeutung und Qualität erlangt. Vor einiger Zeit hat man den „Jungen“ kopfschüttelnd „unsoziales Faulenzen“ vorgeworfen. Durch das Virus wandelt sich dies zu einer Tugend, einer guten Eigenschaft. Selbst Werbespots der Regierung loben Couch-Potatoes. Preisen das „Zuhause-Bleiben“ als den hottesten Schei**, sozial und äußerst verantwortungsvoll.



DAHEIMBLEIBEN IST DER NEUE LIFESTYLE

Klingt komisch - oder? Aber die Einschränkung, nicht weg zu können, hat mir geholfen. Hat meinen inneren Druck und Zwang, raus zu müssen, in Ruhe, Wohlfühlen und Ankommen verwandelt. Ja ich bin angekommen! Bei mir, in meiner Wohnung und in mir. Ich liebe es, zuhause rum zu kramen. Genieße es, mit meinem Lieblingsmenschen eine Serie zu streamen, fest verwurzelt auf‘m Sofa mit Chips. Oder in meiner Gartenecke zu sitzen und hier diese Gedanken auf Festplatte zu bannen. Die Idee dazu kam mir heute früh, als ein Radio-Moderator in einem Talk sagte, dass er richtig gerne zu Hause sei und ungern verreist! Ich musste spontan nicken. Ja, so geht es mir mittlerweile auch! Meistens jedenfalls…

Ich mag es jetzt sehr, öfter am gleichen Ort zu sein. Das mögen andere mit Spießigkeit verbinden. Mich eine Langweilerin nennen. Oder Homebody, Couch-Potatoe. Aber es versetzt mich in einen absoluten Zustand der Entspannung. Nichts müssen müssen!


Keinen Gedanken daran zu verschwenden, was ich anziehe, wo ich hinfahre und wann ich was mache. Das empfinde ich als Muße. Diese Verlässlichkeit des Zustands „alles ist möglich, nichts muss“ - verschafft mir Ruhe und eine bisher nicht gekannte Freiheit.

In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen:

„Der Durchbruch von Homebody und Hygge, von Absagen und Abhängen, von Netflixen und Nichtstun ist vergleichbar mit dem Biedermeier: Er ist eine Reaktion auf den viel zitierten Wunsch nach Vereinfachung in unseren globalisierten Zeiten.“

Passt! Vereinfachung ist für mich das Schlagwort. Zuhause!


Und, wenn das bedeutet, dass ich auf meine älteren Tage genau das werde, was die junge Christine nie sein wollte – eine zufriedene Zuhause-Sitzerin, Couch-Potatoe, Homebody, Wunschlos-glücklich-daheim-Bleiberin - dann soll es so sein.


Das heisst natürlich nicht, dass ich fortan ein Leben als Einsiedlerin führe. Ich bin weit entfernt von Isolation und Langeweile. Ich liebe die Begegnung mit Menschen. Die beste Methode um auf andere Gedanken zu kommen. Inspiration, Diskussion, Auseinander-setzung. Ich liebe Feste, Museen und Städten. Auch reisen. Aber alles wohl dosiert. Mit Zeit, Muse und ehrlichem Interesse. Und großer Freude, danach wieder nach Hause zu kommen.


Meine Welt ist kleiner geworden. Dafür aber viel reicher. Wertvoller. Und ich bewusster.

Alles gut, so lange ICH damit glücklich und zufrieden bin.



Und Du so?

Gehörst Du auch zur Fraktion „Couch-Potatoe“ und „Wunschlos-glücklich-zuhause-Bleiberin? Mit reinem Gewissen, mit Genuss und Freude?

Oder hält Dich nichts mehr Zuhause. Und Du musst (wieder) raus in die Welt?

Berichte mal…


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