• Christine Ubeda Cruz

Frag doch Knigge


Hausschuhe auf Teppich
Schuhe an oder aus?

Gedanken über eine der letzten ganz großen Fragen: Ob man in fremden Wohnungen die Schuhe ausziehen soll.

Gestern Abend war ich bei Freunden zum Essen eingeladen. In ihrer neuen Wohnung. Alles glänzt. Nahezu jungfräulich. Wild entschlossen zog ich an der Wohnungstür meine Schuhe aus. Und entfachte damit eine wilde Diskussion. Vorab soviel: Ohne Ergebnis!

Schuhe ausziehen oder nicht? Wenn zwei Höflichkeitsformen aufeinanderprallen

Offenbar ein Thema, das polarisiert. Soll man in fremden Wohnungen die Schuhe ausziehen? Oder umgekehrt: Kann man das von Besuchern erwarten? Sie dazu auffordern? Oder doch besser davon abhalten? Und, wenn man von seinem Besuch erwartet, die Schuhe auszuziehen: Muss man Hausschuhe in „allen“ gängigen Größen vorhalten? Ihr kennt die. Diese Filzlatschen in bunten Farben. Mit der Rutsch-Garantie.

Also: Ich zog meine Schuhe aus. Und balancierte vorsichtig auf Socken über das noch jungfräuliche Parkett. Andere Gäste behielten sie an. Einer am Tisch zettelte eine Debatte an. In der es dann auch lautstark um Gaspreise, die Vor- und Nachteile von Homeoffice und Flugreisen ging. Die Stimmung war hitzig. Und wurde durch unglaubliche Anekdoten befeuert.

Etwa die von einer feudalen Party in einer schicken Penthouse-Wohnung. Mit Catering und Livemusik. Und Dresscode „Cocktail“. Soll heißen „dunkler Anzug, schicke Schuhe, Cocktailkleid und natürlich die schönsten Highheels“. Und dann wünschte der Besitzer und Gastgeber, die Schuhe bitte auszuziehen. Um Löcher im „heiligen Parkett“ zu vermeiden.

Die eine Hälfte der Gäste meiner Freunde goutierter diese Story als „hochgradig lächerlich“. Die anderen als absolut nachvollziehbar. Leidenschaftlich wurden Argumente und Erlebnisse ausgetauscht. Mit dem Ergebnis, dass wir am Ende des Abends keinen Schritt weiter waren. Genauso wenig wie bei den Gaspreisen und Flug-Scham.

Immerhin haben wir alle was von diesem Abend mitgenommen. Bessere Kenntnisse über diverse Kulturen unserer Welt.

Denn: in vielen Ländern ist es üblich, beim Betreten des Hauses die Straßenschuhe auszuziehen. Um den Dreck der Straße draußen zu lassen. Und schlechtes Karma ebenso.

In Japan, so habe ich gehört, trägt man Socken in der Wohnung. In Belgien dagegen behält man die Schuhe an. „Der Boden ist zum Laufen da, nicht um darauf zu essen“.

In Indien ist es hinduistische Tradition, die Schuhe auszuziehen. So bleiben negative Energien draußen. Das ist in Spanien, Italien und Portugal undenkbar: Die Schuhe bleiben an.

In der arabischen Welt zeigt sich wieder das Gegenteil. Einige betrachten Schuhe als das schmutzigste Kleidungsstück überhaupt. In Ländern in denen Teppiche üblich sind, ist es völlig selbstverständlich, dass die Galoschen ausgezogen werden.

Und bei uns? Eine Mischung aus allem und nichts. Was dazu führt, dass bei jedem Besuch ein komplizierter Tanz aufgeführt wird. „Soll ich? Oder soll ich nicht? Der Gast möchte die Regeln des besuchten Haushaltes berücksichtigen. Der Gastgeber, dass seine Besucher sich wohl fühlen. Es ist einfach nicht geregelt. Ja, so etwas gibt es! Auch in unserem Land.

Steht was im Knigge?

NIX. Und jetzt? Keine Regel. Keine Lösung.

Sonder- und Einzelfälle bringen neuerdings blaue Schwimmbad-Überzieher mit. Hat kürzlich unsere Schornsteinfegerin so gemacht. Hat mir leider kein Glück gebracht. Sondern eine saftige Rechnung für ‚nen neuen Gas-Brenner.

Ansonsten? Abwägen. Matschwetter und heller Teppichboden? Wart mal, kurz nachgedacht! Ausziehen. Gut! Den Gastgeber freut‘s sicherlich.

Fazit: Es kommt drauf an. Je nachdem. Muss man sehen… 😜

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