• Christine Ubeda Cruz

Der Lack ist ab. Gut so, da kommt der innere Kern besser zum Strahlen…

Aktualisiert: 19. Feb.


Er steht schon sehr lange in der Ecke. Der alte, strahlend rot lackierte Sessel. Sieht frisch aus. Dank seinem starken Make up. Dem roten Lack. Doch dann! Eine Sekunde nicht aufgepasst und rums knallt der Staubsauger gegen sein Schienbein. Man hört keinen Schmerzensschrei. Aber ein ordentliches Stück Lack ist ab. Einfach abgeplatzt. Nun liegen die Farbbrösel da rum. Und Karin bedauert den schönen roten Sessel. Mit seinem unübersehbaren „blauen“ Fleck.


Zuerst ist sie untröstlich. Doch dann sieht sie sich den Schaden etwas genauer an. Und was sie da erblickt, bringt sie zum Strahlen.

Ein Gurkenglas macht alt!


Früher bekam Karin alles auf: Die Gläser mit den Oliven, den Peperoni oder den Gurken. Ihr Zweitnahme lautete auch „Herkuline“ - ja! So war das. Und jetzt ist’s vorbei - leider.


Gerade gestern war es wieder mal so weit. Sie versuchte sich an einem Gurkenglas. Und das schrie ihr, vollkommen ungeschminkt, ins Gesicht: Du wirst alt! Sie hat‘s nicht aufgekriegt. Blöd - oder? Das sie es nicht aufkriegt? Oder das sie sich alt fühlt, weil sie ein Glas nicht öffnen kann?


Aber, weißt Du was: es stimmt! Sie hat keine Herkuline-Kräfte mehr. Zumindest nicht mehr in den Knochen. Da hat „Doña Arthrose“ die Herrschaft übernommen. Tja, da ist der Lack ab. Liegt nun als Brösel in den Gelenken.

Es beginnt damit, dass man plötzlich mindestens zwei Tage braucht, um sich von einer durchfeierten Nacht zu erholen


Karin lebt nun damit, dass sie Gläser mit Schraubverschluss nicht mehr selbst oder ohne Hilfsmittel öffnen kann. Schmerzen rauben ihr die nötige Kraft. Sie lebt damit, dass sie nicht mehr flink und elegant mit Kindern auf’m Boden rumkrabbeln kann. Das berühmte Ibu-Schmerzgel aus der Tube hilft da leider auch nicht. Und ja, oft fällt es ihr schwer, das als ein Teil von ihr zu akzeptieren. Auch, dass schwere körperliche Arbeit nicht mehr gut für sie ist. Also für Karins Knochen und Gelenke… Tja, aber was tun? Verzagen oder um Hilfe fragen?


Es hat seine Zeit gedauert, bis Karin merkte, dass auch sie nicht unverwundbar ist. Das ihre Herkuline-Kräfte sich verschoben haben. Wohl von den Gelenken und Knochen zu Herz und Geist. Zu Weisheit und Wissen. Geduld und Zeit.


Bei dem Einem kommt die Erkenntnis früher, bei dem Anderen später. Und Karin ist dankbar, dass sie sich jahrelang so stark gefühlt hat. Gesund und nahezu unverwundbar. Ihr ist bewusst, dass es Menschen mit chronischen Krankheiten oder anderen körperlichen Problemen auch in jungen Jahren bei weitem nicht so gut geht.

Irgendwann fing das einfach so an. Schleichend. Hinterrücks. Da braucht Karin plötzlich mindestens zwei Tage, um sich von einer durchfeierten Nacht zu erholen. Ok, da war Alkohol mit im Spiel. Nicht viel, aber genug. Und tanzen. Viel und heftig. In stickiger Luft. Lange und ausgiebig. Andere haben auf einmal „Rücken“! Weil sie viel zu viel sitzen. Oder die Matratze nicht mehr passt. Und beim Treppensteigen knackt das Knie. Urplötzlich kann man die Cocktail-Karte in der Lieblingsbar nicht mehr lesen. Ist aber auch schummrig hier. Und dann erscheint auf einmal auf dem Handrücken ein brauner Fleck! Huch - der war gestern doch noch nicht da?! Und diese Fältchen, rund um die Augen…

Der Lack ist ab! Wir werden alt! Eine Zäsur. WIRKLICH?


Aber wusstest Du, dass das Altern schon mit 20 einsetzt? Ein schleichender Prozess, der nie endet. Gerade noch Baby, Kleinkind, pickeliger Teenager … Kaum ist der Mensch um 20+, hat sich endlich halbwegs selbst gefunden, gehts schon wieder bergab?


Die Haut verliert an Spannkraft, irgendwann hören wir schlechter, es sinkt die Fruchtbarkeit, ab 30 nimmt die Elastizität der Knorpel ab… Man könnte so weiter machen, mit jedem Organ. Und jedem Körperteil. Ein schleichender Prozess…des Verfalls. Oder der Chancen.


Die Erkenntnis „Der Lack ist ab“ war für Karin eine Zäsur. Teilt sie doch ihr Körpergefühl in jung und alt.


Es dauerte etwas, bis das bei ihr gesackt war. Doch dann sah sie klar. Wie bei dem alten, rot lackierten Sessel. Sie sah den Kern. Im Falle des Stuhls: Wunderschönes rotbraunes Nussbaumholz.


Wenn Karin dieses Bild nun auf ihren Körper überträg, weiß sie: Ja, der Lack, also die oberflächliche Schicht ist weg. Hat sich verändert. Aber darunter kommt etwas zum Vorschein, was man vielleicht als den wahren Kern eines Menschen bezeichnen könnte. Ungeschminkt. Nicht retuschiert. Das Innere. Das, was in einem steckt. Kräfte, die nichts mit Muskeln, Knochen oder Gelenken zu tun haben. Sondern mit dem, was man ist und was man bleibt: Ein Mensch mit einem ICH!


Ihre Freundin Gabi hat sich jahrelang die grauen Haare weggefärbt. Karin hatte sie länger nicht gesehen. Bei einem Treffen kürzlich stand Karin vor einer toll aussehenden Frau mit mehr weißen als braunen Haaren. Gabis frecher Kommentar dazu: „Lieber ein schöner, alter Holzboden mit Charakter als ein billiger Teppich, der notdürftig Flecken überdeckt - oder?“ „Stimmt, sagte Karin lachend, so ein warmer Dielenboden macht eine Wohnung doch erst so richtig Liebens- und Begehrenswert.“


Nun erreicht der Verlust der Haarfarbe vielleicht nicht dieselbe Dimension wie schmerzhafte Gelenke. Aber auch diese Veränderung gehört zu den vielen schleichenden Abschieden von der Jugendlichkeit. Gabi hat ein bestimmtes äußeres Bild von sich losgelassen. Und Karin darf sich von einigen körperbetonten Fähigkeiten und Eigenschaften verabschieden. Und freut sich auf innere Werte. Und irgendwann auch mal auf graue Haare…


Vielleicht schenken die schmerzenden Gelenke Karin aber auch neue, bisher ungeachtet Möglichkeiten: Nämlich die Freiheit, nicht immer alles selbst in die Hand nehmen zu müssen. Im wörtlichen und im übertragenen Sinne.


Und sie hat entschieden: Der schöne, rot lackierte, alte Sessel bleibt so, wie erst ist. Damit der rotbraune Nussbaumkern sie immer wieder an seine und ihre inneren Werte erinnert!


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