• Christine Ubeda Cruz

Das mit dem guten Essen - oder - die Dosis macht das Gift

Aktualisiert: 22. Nov.

Getränkedosen von oben
Du siehst nur Blech? Schau' mal drunter....

Jetzt steht sie wieder an. Die Zeit wertvoller Treffen mit der Familie und Freund:Innen. Wunderbar! Und leckerem Essen. Denn was verschönert einen trüben Wintertag besser als nette Gespräche und ein frischer Lebkuchen? Oder knackige Butterplätzchen. Und erst die Domino-Steine…??? Auch gerne genommen: Das 1. Raclette der Saison, ein wunderbarer Braten, natürlich mit Knödel und erst die Zimt-Creme mit einem Hauch von irgendwas. Traditionen und Erinnerungen. Gemeinsam schlemmen und genießen. Zu schön, wenn Da nur nicht die „Ich esse aber kein Fleisch, keinen Zucker, kein Mehl" -Jünger wären…


Es wird kälter da draußen. Ich meine die Temperatur. Wobei? Irgendwie auch sozial. Da ist es gut, dass Viele wieder zusammenrücken. Und wir sollen es auch. Nach einer viel zu langen Zeit der räumlichen Distanz heißt es jetzt wieder: Gruppen-kuscheln! Tut der Seele so gut. Und dem Öl-, Gas- oder Stromverbrauch auch. Das hast Du sicher auch schon festgestellt: Je mehr Menschen sich um Deinen Esstisch scharren, desto „muckeliger“, soll heißen wärmer, wird es. Und gleichzeitig kannst Du die Heizung runter drehen und woanders bleibt sie komplett aus. Ganz schön clever - oder?


Nachhaltig wird‘s auch beim Essen. Was Du auch immer aus dem Ofen holst, ihn für größere Portionen zu nutzen, ist ein Gewinn. Für den Genuss, für die Energieressourcen und schon wieder für‘s Klima. In Deiner Küche und draußen. Weil: es heizt nur EIN Backofen auf. Und wenn Du dann noch fleischlos, saisonal und regional unterwegs bist, ist der Umweltfaktor fast nicht mehr zu toppen,



Das mit dem "guten" Essen...


Jetzt sind sie alle da. Familie und Freundinnen und Freunde. Stehen in der Küche rum - eh der beste Ort in einer Wohnung. Oder sitzen am Tisch, flötzen auf‘m Sofa. Es wird gelacht und genascht. Geredet und doziert. Du bist ganz beseelt von der lockeren Atmosphäre. Glücklich. Deine Wangen sind rot - ist jetzt schon schön warm. Doch dann hörst Du diesen einen Satz, der bei Dir sofort zu Schnappatmung führt:


„Ich esse jetzt übrigens keinen Industriezucker mehr!”

Und aus einer anderen Ecke schallt es aus dem Gemurmel schrill heraus:


„Und ich esse keine Weizenprodukte!“

Und Du stehst schulterzuckend dazwischen und fragst Dich wahrscheinlich, ob das die Stelle ist, an der Du fragen solltest: „WARUM?“ Aber offenbar steht dieses „WARUM“ laut und deutlich auf Deiner Stirn geschrieben.


Und provoziert gleich zwei Fragen: „Wie, DU ißt noch Weizen? Weißt Du nicht, dass Weizen ganz sicher Dumm und Dick macht?“ und „Du nutzt dieses süchtig machende weiße Zeugs namens Industriezucker?“ Die Tonlage der beiden Fragen impliziert mitleidig, dass Du offenbar schon fast ernährungstechnisch dem Tod geweiht bist.


Doch Dir geht es super-gut! Du hebst lächelnd und beschwichtigend Deine Arme und verkündest: Alles, was ich für euch heute Abend vorbereitet und gekocht habe, enthält Vollkornmehle und natürliche süße Alternativen zum „bösen weißen Zucker“. Ich nutze saisonale und regionale Produkte, ohne Fisch und ohne Fleisch!


Da tönt aus der Ecke vom Sofa: „Wie, kein Braten? Kein FLEISCH? Von was soll ich denn satt werden?“


Kurz überlegst Du, Deine Leckereien an die so stark frequentierte Tafel zu geben. Und Deinen Gästen zu raten, jetzt und sofort nach Hause zu gehen. Sollen sie sich doch bei einem dieser, die Mitarbeitenden ausbeutenden, Lieferdienste melden. Dann können sie ihre Bestellung wenigstens halbwarm und ökologisch total unkorrekt in Plastik-Einwegpackungen, aber immerhin mit dem E-Bike geliefert, in ihrer kalten Bude alleine genießen. Wahrscheinlich ordern sie Zucker- und Weizenfreies Sushi mit dick Thunfisch zum Super-Duper-Sonderpreis.


Zum Glück sind das nur die etwas zynischen Gedanken in Deinem Kopf. Lächelnd greifst Du zur Weinflasche und füllst großzügig die Gläser auf. Und die, die auf keinen Fall Industriezucker isst, greift direkt zur Coke Zero - What? Ehrlich? OK!


Ein munteres Gemurmel und Geschmatze erfüllt Deine Bude. Offenbar findet doch jede und jeder etwas, das schmeckt. Satt macht. Und vielleicht auch ein wenig glücklich. Du siehst die leeren Schüsseln und Töpfe und fröhliche, gerötete Wangen.



Die Dosis macht das Gift


Tante Rosi sitzt in einem bequemen Sessel. Sie lächelt versonnen. Du kennst sie gut. Wenn dieses Lächeln ihre Lippen umkräuselt, führt sie etwas im Schilde. Hellwach beobachtet die alte Dame das Geschehen. Dann legt sie eine große Tüte ihrer selbst gemachten Plätzchen auf den Tisch. Die seit Jahr und Tag beliebten und begehrten Kekse. Traditionell nach dem Rezept ihrer Urgroßmutter. Also so richtig mit Mehl, Butter und Zucker in einem Verhältnis zueinander, dass einem schwindelig werden könnte. Rosi macht das noch immer so. Mit reichlich Butter, nie mit Magarine, und auch noch dem einen oder anderen Eigelb.


Das sind die besten selbst gemachten Plätzen - EVER! Tipptopp und so lecker…

Aber leider, leider stehen sämtliche Zutaten auf der „ROTEN LISTE“. Führen direkt zu Dummheit, Dicksein, Sucht und…


Aber - war da was? Fielen vorhin nicht die die Aussagen: "Ich esse auf keinen Fall Zucker, nie Weizenmehl und um Gottes Willen kein tierisches Fett?" In Anbetracht der leckeren, gebackenen Kunststücke scheinen diese Bedenken vergessen. Alle greifen zu! Genießerisch stopfen sie sich die Kekse in den Mund. Lobpreisen die Tradition. Das Handwerk. Und das leckere Gebäck. Philosophieren: „Es geht doch nichts über Butter, Mehl und Zucker im richtigen Verhältnis…" Und - im Null Komma nix sind alle Plätzchen weggefuttert. Schnell kommt der Ruf nach mehr…


Tante Rosi sitzt noch immer verschmitzt lächelnd im gemütlichen Sessel und lässt ihre gelassene Stimmer erklingen: „Ihr wisst schon: Die Dosis macht das Gift! Früher, ja früher, waren Plätzchen etwas ganz besonderes. Butter war rar, Zucker teuer. Und so gab es diese Köstlichkeiten nur zu besonderen Situationen, so wie heute, und in kleinen Mengen. Man genoss diese Gaben, genussvoll, andächtig und dankbar.


Schaut mich an: Ich bin 88 und weder Dumm noch Dick!!!" 😜


Kurz schweigt die Meute. Betroffen. Doch dann sagt einer: „Wie recht Du doch hast, Tante Rosi. Deine selbst gebackenen Plätzchen sind ein Genuss. Und die sollten wir genießen. Als etwas Besonderes. Und nicht (fr)essen, wie ein sättigendes Lebensmittel. Oh Danke, liebe Rosi. Für die Kekse. Und für die Erinnerung!“


Der Abend wurde lang. Und laut. Mit vielen Argumenten. Tipps. Mythen und Weisheiten zum Themenkreis „Dosis, Mengen und Gift“. Rotwein floss reichlich. Aber das ist ein anderes Thema…



Da passt, finde ich, sehr gut, folgender Netzfund:
















Prost!


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