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  • Christine Ubeda Cruz

Bleibt‘s dabei?


Uhr mit zerinnenden Konturen
Die zerrinende Zeit

‚Ups‘ denke ich beim Blick auf mein Smartphone. Die SMS meines Zahnarztes erinnert mich an den morgigen Termin. Good to know… wobei ich den Termin sauber in meinem Kalender stehen habe. Die ersten Male war ich noch verwundert. Über die WhatsApp vom Friseur, den Anruf vom Handwerker, die E-Mail vom Montageservice. Die Benachrichtigung aus der Bahn App. Alle wollen mich daran erinnern, dass demnächst ein Termin ansteht. Ich könnte ihn ja vergessen haben. Echt jetzt?!

Wahrscheinlich bin ich total altbacken, konservativ und eine zu treue Seele: Ich halte meine Termine und Verabredungen ein! Zu mindestens 99,5%. Bei den kümmerlichen restlichen Prozentpünktchen sind höhere Mächte und andere Katastrophen die Ursache für eine Verspätung oder mein Nichterscheinen. Und das ist mir dann unglaublich unangenehm.

Der Flex-Tarif für‘s Leben?


Jede Gesellschaft hat Regeln. Oft eigene und dazu noch unsichtbare. Schon merkwürdig. Und nicht ganz einfach zu verstehen. In manchen Ländern gilt es als unhöflich, überpünktlich zu sein. In anderen wiederum wird das genau erwartet. Hier bei uns gab es immer ein erstaunliches Maß an Verbindlichkeit. Man hielt Termine und Verabredungen ein. Und war pünktlich. Wenigstens meistens…

Das hat sich verändert. Schleichend. Erst kam der Zeitdruck. Oder die Deutsche Bahn - nicht! Stress im Job. Oder der nicht zu findende Ausweg aus dem Hamsterrad. Und dann Corona. Mit ganz viel Ruhe. Termine fielen einfach aus. Verabredungen, Lieferungen auch. Und: seit dem brechen alle Dämme. Unpünktlichkeit scheint hipp zu sein. "Nicht-vorhanden-sein" auch. Zudem macht sich eine merkwürdige Art von Unverbindlichkeit breit. Oft getarnt mit der Ausrede: Vergessen, im Kalender vertan, war doch gar nicht fest verabredet. Oder die Umstände sind schuld. Hoher Krankenstand, Lieferketten, Technikprobleme. Da greift dann das Zauberwort unserer Zeit: Flexibilität! Keine Verbindlichkeit, keine Vertragsbindung, problemloses Umbuchen, kostenlose Retoure oder einfach wegbleiben.


Eine Freundin und ich möchten gemeinsam mit dem Bus in die City fahren. Ich stehe an der Haltestelle. Zur verabredeten Zeit. Der Bus kommt. Wer nicht kommt, ist die Freundin. Der Bus fährt. Ohne uns. Auf einmal biegt die Freundin im die Ecke. Flüchtiges Küsschen, gehetzte Entschuldigung. „Macht nix“ sage ich, nehmen wir halt den nächsten Bus. Hier in Frankfurt easy möglich. Fahren Busse und Bahnen doch meist im 10-Minuten-Rhythmus.

Irgendwie geht es mir ganz oft so. Ich ärgere mich, weil ich pünktlich da rum stehe. „Wie bestellt und nicht abgeholt“ sagte mein Vater früher. Und flunkere die Freundin an: „Ist doch nicht schlimm!“

Was einfach nicht stimmt! Ich finde Unpünktlichkeit oder Unzuverlässigkeit ganz schlimm. Ich hasse es. Es „kostet“ meine Zeit. Es ärgert mich, zu warten. Ich stelle mir die Frage aller Fragen immer wieder: Warum kommt sie „immer“ zu spät? Und warum kommen überhaupt so viele Menschen zu spät? Oder mittlerweile einfach gar nicht mehr? Trotz Verabredung oder Termin?

Pünktlichkeit ist die „Einhaltung eines vereinbarten Zeitpunkts“


So definiert es der Duden. Klingt vielleicht ein wenig spießig. Doch wenn ich es mit Zeitgenoss:innen zu tun habe, die die verabredete Zeit ganz selten bis nie einhalten, bin ich sehr gerne spießig. Ja - ich stehe dazu! Denn im besten Falle schließt sich unserer Verabredung ein weiterer Termin an, den ich gerne pünktlich wahrnehmen möchte. Und schon stecke ich, vollkommen ungewollt, in der Zeitmaschinen-Falle.

Hier eine ganz persönliche, kleine Rangliste meiner Zuspätkomm-Erfahrungen:


  • Einer ist immer zu früh da. Ganz bewusst. Um den anderen vorzuhalten, dass sie erst nach ihm kommen.

  • Die andere Person kommt immer zu spät. Und findet das vollkommen normal. Als Freundin muß ich das akzeptieren! (Echt jetzt?). Ich würde sie/ihn ja schon lang genug kennen… (als ob das ein triftiges Argument wäre)

  • Gestresste möchten eigentlich pünktlich kommen. Hier liegt die Betonung auf dem „eigentlich“. Sie bekommen es aber nicht auf die Reihe. Das wichtige Telefonat, der Stau, die Mail, Kolleg:Innen, und, und, und. Nur gut, dass sie das Atmen nicht auch hintenan stellen…

  • Dann gibt es noch die liebevoll Verpeilten. Die sich ganz sicher sind, das der Termin erst morgen, nächste Woche oder im kommenden Leben eingetragen ist. Die sind immer zu spät oder stehen an einem ganz anderen Treffpunkt oder sind wo ganz anders…

Pünktlichkeit bewegt viele. Die Bahn und mich. Ist sie mir doch ein hoher Wert. Also, die Pünktlicheit. Und offenbar mittlerweile eine alte Tugend in unserem Land. Haben wir uns anderen angepasst? Unsere südlichen Nachbarn sehen das durchaus lockerer. Da werden Zeiten gerne „mas o menos“, „mehr oder weniger“ verabredet. Die gute „viertel Stunde“ gehört zum Standard. Und niemand regt sich auf. Jedoch: Die Bahn fährt dort äußerst pünktlich…


Wie siehst Du das so mit der Pünktlichkeit und der Verbindlichkeit? Schreib' doch mal...

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