• Christine Ubeda Cruz

Ich mach einfach mal nix. Und fühl mich gut dabei. Wenigstens meistens...


Werde menschlich!
Berlin - East Side Gallery

Ich sitze auf meiner Terrasse, schließe die Augen und nippe genussvoll an meinem Cappuccino. Die Vögel zwitschern. Die entfernten Geräusche einer Großstadt im Hintergrund. Aktuell hab‘ ich keine Ahnung wie viel Uhr es ist. Vielleicht 11 Uhr? Oder schon 13 Uhr? Ist mir total schnuppe. Beim Sport war ich schon. Und sonst hab‘ ich keine weiteren to do‘s mehr für heute.


„Das ist doch wunderbar“ wirst Du denken. Eigentlich ja. Und trotzdem fühle ich mich nicht so richtig gut. Irgendwie unvollständig. Die meisten Menschen sind jetzt bei der Arbeit. In der Schule und Uni. Und ich? Ich mach einfach nichts.


Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist nicht so, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Ich mache regelmäßig Sport, habe eine saubere Wohnung und treffe mich gerne mit meinen Freundinnen und Freunden. Ich räume, koche. Bin kreativ tätig und schreibe. Aber - ich arbeite nicht. Nicht mehr. So im klassischen Sinne. Angestellt in einer Firma.


Ich habe mehr als 40 Jahre in verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Meist viel zu viel. Ich weiß also wirklich, wie es geht. Nur - irgendwann war Schluss damit. Der Akku war leer, die Batterie ausgebrannt. Und ich körperlich und seelisch kaputt.


Es hat lange gedauert, bis die Batterie wieder repariert war. Und der Akku sich langsam wieder aufladen konnte. Und ich habe nicht nur gelernt, sondern gespürt, dass ich Pausen und Zeiten des Nichtstuns brauche. Aber:

Warum fällt es mir dann schwer, einfach mal zu entspannen – ohne das Gefühl zu haben, mich dafür rechtfertigen zu müssen?


In meinem Freundes- und Bekanntenkreis redet jeder davon, wie viel Stress er hat. Die letzten Monate im Homeoffice oder in Wechselschichten. Jetzt wieder Fulltime in der Firma. Die Arbeit, die Fahrerei, die Kolleg:Innen, die Chef‘s, die Familie - alles verursacht Stress. Und es ist ganz hipp, darüber zu reden. Oder ehrlicher gesagt: zu stöhnen! Es scheint geheime Wettbewerbe zu geben, wo der mit dem größten Stress zum Champion gekürt wird. So viel wird darüber lamentiert und geschimpft.


Aber - Hand auf‘s Herz: Hast Du schon mal gehört, dass jemand lauthals eine Faulenzer-Phase rausposaunt? Davon schwärmt, wie cool es ist, das zu tun oder zu auch zu lassen, was man gerade will? Schwärmt, heute mal einfach nix getan zu haben?


Nee - oder? Wir profilieren uns damit, wer am meisten arbeitet und damit den „vermeintlich“ größten Erfolg erzielt. Und wenn jemand nicht mit regelmäßigen Stress-Situationen zu kämpfen hat, ist das ganz offenbar ein Zeichen von Faulheit.


Ist es wirklich erstrebenswert, unseren sozialen Wert daran zu bemessen, wie viel wir leisten? Statt zu fragen, wie gut es uns geht? Hilft es, sich mit anderen zu vergleichen und sich dadurch besser oder schlechter zu fühlen? Oder wäre es nicht hilfreicher, zu überlegen, was wir verändern könnten, damit es uns besser geht?


Viele achten stark darauf, wie sie auf andere wirken. Oder grübeln darüber, was andere von ihnen denken.


Manchmal packt mich dieser Gedanke auch (noch!). Ganz schön anstrengend. Dann frage ich mich, was sie von mir, meiner Leistung halten - egal, ob es meine kleinen Geschichten sind, die ich hier schreibe, den Garten umgrabe oder ein 4-Gänge-Menü koche.


Und wenn ich an einem sonnigen Tag auf meiner Terrasse sitze und das schöne Wetter genieße, denke ich manchmal, dass die Nachbarn jetzt über mich tuscheln. Und erinnere mich an einen Ausspruch meines Vaters: „So ein Leben wie Du hätte ich auch gerne“.

Und schon ist sie da. Die Selbstverurteilung. Das Gefühl, nicht‘s geschafft zu haben. Nichts von Bedeutung und Wert.


Und das steigert sich noch, wenn mein Lieblingsmensch abends von der Arbeit nach Hause kommt. Wenn er, ehrlich interessiert, fragt, was ich heute so gemacht habe. Manchmal gebe ich Antworten, die nach möglichst viel Arbeit und Stress klingen. Doof - oder? Aber ich will ja nicht in seinen Augen als „faul“ dastehen. Dieses Vorurteil ist nach wie vor tief in mir verankert. Und manchmal schafft es sich ganz nach oben. Und verschiebt gehörig meine Prioritäten. Unter anderem die, meine freie Zeit einfach zu genießen.


Lt. Wissenschaft ist das Leistungsmotiv ein wichtiges Grundbedürfnis. Es ist tief in der menschlichen Natur verankert. Wir vergleichen uns ständig mit anderen um den höchstmöglichen Status zu erreichen. Aus psychologischer Sicht sei es wichtig, mit anderen zu konkurrieren. Hierbei bedeutsam: Der Grad und die Häufigkeit. Denn die Folgen von chronischem Stress sind nicht zu unterschätzen.


Das kann ich nur bestätigten. Ich hab‘s erlebt. Und zum Glück überlebt. Und daraus gelernt.

Ambitionen können sich verändern


Ambitionen zu haben ist vorbildlich, ohne Frage. Aber höchst zweifelhaft, wenn sie in Maßlosigkeit übergehen.


Also, ich hab nach wie vor Ambitionen. Zum Beispiel meine Gesundheit. Oder mein Wohlbefinden. Beide sind mir viel wichtiger als die Gedanken anderer über mich.


Meine Ambition ist, es mir gut gehen zu lassen! Egal wie viel ich tue. Und wenn es meinem heutigen Wohlbefinden zuträglich ist, möchte ich mit Genuss und Freude bei schönem Wetter auf der Terrasse sitzen. Meinen Cappuccino genießen, den jungen Amseln bei ihren ersten Flugversuchen zuschauen und mich des Lebens freuen.


Und meinem Vater und den Nachbarn zurufen: „So ein Leben könntest Du auch haben!“

Probier‘s mal aus…





#wiegehtnixtun

Tipps zum einfach mal nix tun. Dafür reicht schon ein klein wenig Deiner Zeit :-)

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