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  • AutorenbildChristine Ubeda Cruz

Immer der Nase nach. Oder – Geruchs-blind?


Fottocollage mit menschlichen Nasen, einer Katzennase und Symbole für angenehme Gerüche wie eine Tasse Kaffee, das Meer, Narzissen
Immer der Nase nach - angenehme und weniger angenehme Gerüche


Ich bin ein Nasenmensch. Also ich hab‘ eine in meinem Gesicht. Und sie funktioniert. Ich liebe es, für mich wohlriechende Gerüche aufzunehmen. Mich von ihnen erheitern, erinnern, erfrischen und einlullen zu lassen. Frisch gemahlener Kaffee, die erste Narzisse am Küchenfenster oder das Glas Rotwein am Samstagabend – herrliche Momente für mein Riechorgan und meine Seele. Die macht dann einen kleinen Hüpfer. Wobei die Narzisse darf draußen bleiben. Ich liebe den Duft, verspricht er doch einen Hauch von Frühling. Aber andere Zellen meines Körpers gehen sofort auf Widerstand. Fluten meine Schnupper-Rezeptoren sofort mit Allergenen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Menschen in meinem Umfeld attestieren mir ein feines Näschen. Wenn der Wein korkt, rieche ich das, sobald der Pfropfen den Flaschenhals verlassen hat. Ich kann erschnuppern, dass die Milch sauer wird. Knapp vor ihrem Kipppunkt. Und manchmal glaube ich, sogar ein herannahendes Gewitter riechen zu können. Oder den ersten Schnee. Meine auf Empfang gestellten Geruchssensoren empfinde ich meist als Geschenk. Aber manchmal auch als Last. Dann nämlich, wenn ich keine Wahl habe. Oder besser gesagt, wenn mein Riechorgan nicht ausweichen kann.



Die „Plage“ der allgegenwärtigen Raumbeduftung


Es wird viel geräuchert, gesprayt und parfümiert. In Geschäften sehr gerne. Soll ja verkaufsfördernd wirken. Gefühlt kann ich die letzten 100 Meter zur Shoppingmeile blind zurücklegen. Einfach nur „der Nase nachgehen“ zum glitzernd lauten und duftenden Konsumtempel. Warum ist eigentlich die Musik hier so laut? Und das Licht? Entweder blendend hell oder diffus dunkel. Muss das so? Aber: Bleiben wir heute bei der Beduftung. Glauben die Marketing-Experten wirklich, dass ich nur wegen ihrer „behavior-oriented“ ausgewählten Gerüche, ausgerechnet in ihrem Shop einkaufe? Soll ich so angelockt oder eher benebelt werden? Und durch den Overload an Duft, Licht und Lautstärke den Verstand verlieren und völlig ungehemmt einkaufen? Steigert das wirklich die Einkaufsmotivation?


Ähnliches in Hotels. Auch hier: Raumduft! Sandelholz und Zeder sollen für ein „Zuhause-Gefühl“ sorgen. Echt jetzt? Also bei mir zu Hause riecht es so nicht. Vielleicht soll aber auch durch das Sandelholz-Zeder-Gemisch der Mief des vorherigen Zimmer-Bewohners übertüncht werden.


Für mich ganz neu und vergangene Woche selbst erlebt: Raumduft beim Zahnarzt. Statt des wohlvertrauten Geruchs nach Desinfektionsmittel und Angstschweiß umwehte mich der zarte Duft von Melisse. Soll entspannend wirken. Ich war aber ganz relaxt. Und hatte keine Angst. Denn sie hat gar nicht gebohrt! Dafür war ich irritiert. Also mein Geruchssinn. Denn der war auf den bekannten, halt üblichen, Geruch einer Zahnarztpraxis eingestellt.



Werden wir alle Geruchs-blind?


Warum das alles? Wer hat den Trend gesetzt, dass Räume, egal welcher Art, unbedingt und ununterbrochen beduftet werden müssen? Sollen sie dadurch einladend, wohnlich, beruhigend, aktivierend oder appetitlich sein? Reicht dafür die Innenausstattung, Materialwahl, die Dekoration oder – in Geschäften – das Warenangebot nicht mehr aus? Muss alles um uns herum aromatisiert werden? Ist die Abwesenheit von künstlich erzeugten Duftwolken, damit meine ich auch natürliche Duftstoffe, die am jeweiligen Ort aber nicht natürlich vorkommen, ein „Übertünchen“ der (vielleicht banalen) Realität?


Versteht mich nicht falsch. Ich liebe ein tolles Parfüm, dass die Persönlichkeit eines Menschen unterstreicht. Auch der therapeutische Effekt eines Duftöls bei der Massage oder das Lavendelspray zum Einschlafen auf‘m Kopfkissen ist riech- und spürbar wohltuend.


Der krasse Gegensatz zur Raumbeduftung ist allerdings, dass ich hier sowohl den Duft als auch die Dosis selbst bestimmen kann. Jedoch die Dauerbeduftung mittels Räucherstäbchen, Aroma-Diffuser, Duftkerzen und Zimmersprays in aberwitzigen Geruchs-Kompositionen wie „frisch gesägtes Holz“ im Deko-Laden oder „betörende Vanille-Maracuja“ bei den Kaschmir-Pullis empfinde ich zunehmend als Geruchsbelästigung.


Was macht das mit unserem Geruchssinn, wenn wir ständig irgendwelchen Aroma-Attacken ausgesetzt sind? Werden wir dann, wie in dem schrägen TV-Werbespot für künstliche Zimmersprays, Geruchs-blind? Und riechen am Ende gar nichts mehr?


Also, gesund kann diese Überdosierung nicht sein. Duftkerzen können feinste Rußpartikel verströmen, Räucherkerzen auch. Oft stecken Chemikalien drin, die zu Asthma oder spontan-Kopfschmerzen führen. Trifft mich häufig. Ich betrete ein Geschäft, bekomme eine Überdosis des „dort-nicht-hingehörenden-Duftes“ ab und schon sticht eine dicke Nadel hinter meiner Stirn in meine Gehirnwindungen. Sofort, schnell, heftig und schmerzhaft. Mit der Folge, dass ich fluchtartig den Rückzug antrete. Nix mit Wohlfühlen und relaxter Shopping-Stimmung.


Klar, am Ende ist es, wie so oft, eine Frage der Dosierung. Anders bei natürlichen Düften – davon habe ich nie die Nase voll. Ok, Mist und Gülle, nasser Hunde und ungewaschene Menschen mal ausgenommen. ABER – natürlicher Duft ist überall zu riechen. Gerne zaubere ich mir mit einem Kräutertee eine schnell verfliegende Duftwolke oder hole mir mit einer vor sich hin köchelnden Suppe ein unnachahmliches Zuhause-Gefühl in die Wohnung. Ich liebe den Duft von "frisch gewaschener Wäsche". Wenn sie tatsächlich frisch gewaschen ist und ganz natürlich so duftet.

Dann wirkt der Duft fast kostbar. Weil er den Moment adelt. Und - weil er echt ist!

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