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  • AutorenbildChristine Ubeda Cruz

Du – ist das noch gut?

Joghurtglas mit Aufschrift "Mindestens haltbar bis" bedeutet nicht sofort tödlich
Das Mindesthaltbarkeitsdatum - Gesetz oder Empfehlung

Wir versuchen, sinnvoll und gesund zu leben. Mit saisonalen , frischen Lebensmitteln. Und dabei nix zu verschwenden. Oder gar zu entsorgen. Aber wehe, es geht ums Mindesthaltbarkeitsdatum …


Kennst Du die nervigen Leute, die ewig vor dem Kühlregal im Supermarkt stehen? Mit auf der Stirn sitzender Brille und Teleskop-artig ausgestreckten Armen drehen und wenden sie jeden Joghurtbecher. Was die da treiben? Kann ich Dir sagen. Sie suchen das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Und geben auf keinen Fall auf, bis sie den verwischten Aufdruck in 6pt kleiner Schrift gefunden haben. Und erst wenn das aufgedruckte MHD in galaktisch weiter Ferne liegt, darf der auserkorene Joghurtbecher in den Einkaufswagen.


Eigentlich sind und leben wir ziemlich vernünftig. Wir ernähren uns hauptsächlich vegetarisch mit lokalen und saisonalen frischen Produkten, trennen akribisch den Müll, sind schon lange nicht mehr geflogen, tragen unsere Klamotten ewig. Also vieles gut und schon ein wenig Öko – oder?



Gibt es MHD-Angst?


Beim Mindesthaltbarkeitsdatum haben wir Differenzen. Also mein Lieblingsmensch und ich. Zugespitzt könnte ich sagen: Er leidet unter MHD-Angst! In seinem süßen Köpfchen bekommt ein Joghurt am aufgestempelten Tag sofort einen dicken grünen Schimmelpilz. Und auch ohne grünen Flaum ist die Angst groß, dass der Verzehr direkt in der Notaufnahme des Krankenhauses endet. Da hilft auch keine Beteuerung, dass er doch auf seine Sinne vertrauen dürfe. Die cremige Masse im kühlen Glas riecht wie Joghurt, sieht so aus, fühlt sich auf der Zunge so an und schmeckt auch entsprechend. Eigentlich genauso wie das andere Glas vor zwei Tagen.


Das Wissen über das magische MHDatum setzt vor seinen Augen einen Horrorfilm in Gang. Wenn er dieses Glas nun auslöffelt, sieht er sich sofort im Krankenhaus. Erst würden Bauchkrämpfe kommen, er käme nicht mehr runter vom Klo. Dann müsste ein Krankenwagen kommen und die Sanitäter würden ihn völlig entkräftet auf die Trage heben. Danach: 10 Tage Intensivstation. Mindestens!


Auch Äpfel werden einer genauen Prüfung unterzogen. Wehe, auf der roten Schale zeigt sich auch nur der Hauch eines „Pickels“. Sofort wird das Messer gezückt und der Makel weiträumig operativ entfernt. Nach der obligatorischen Frage „Ist der auch gewaschen???“ und einer intensiven Schnüffel-Untersuchung kann der Apfel endlich verspeist werden.


Seine absoluten Endgegner sind übrigens Himbeeren. Die haben zwar kein MHD, wenn wir sie saisonal auf dem Wochenmarkt kaufen, aber schon von Natur an einen hellen Flaum. Und drinnen, an den Zellwänden der kleinen Beerenkerne, diese klitzekleinen weißen Hubbel. Die kann er erstaunlicherweise ohne Brille erkennen. Akribisch wird jede einzelne Himbeere geprüft, mit spitzen Lippen heftig angepustet, manchmal mit einem Kneipchen – so nennen Frankfurter ihr kleines, scharfes Küchenmesser – genau seziert, bevor sie den Weg in seinen Mund finden dürfen. Ein Rest Skepsis aber bleibt. Ich frag‘ mich warum. Mag er doch auch gerne mal ein Gläschen Himbeergeist.



Wer traut seinem persönlichen Vorkoster?


Wahrscheinlich hätte mein Lieblingsmensch gerne einen persönlichen Vorkoster. So wie früher bei Königs. Mir traut er das nicht wirklich zu – aus Erfahrung! Denn ich bin die, die will, dass die Dinge gegessen werden. Auch solche Lebensmittel, die das heutige MHD aufzeigen oder sogar schon drüber sind. Natürlich erst nach einer ausgiebigen Prüfung mit allen Sinnen. Und auch nur, wenn unsere Köstlichkeiten „noch gut sind“. Seine Reaktion darauf: „Du bekommst keinen Kuss mehr von mir!“ Meist hat er das nach dem Essen schon wieder vergessen, wenn ich mir dann einen Schmatzer bei ihm „klaue“.


Ich bin mir sicher, dass er weiß, dass ich manchmal schummle. Und ihm den aufgedruckten, längst abgelaufenen, Zenit verschweige. Und wahrscheinlich hat er deshalb manchmal „Magen-Grummeln“. Aber vielleicht ächzt sein Bäuchlein auch nur ob der vertilgten Menge.


Zum Glück bin ich da anders gestrickt. Stammt vielleicht aus der Zeit, als meine wirklich sehr alte Oma Wolf noch lebte. Bei ihr war es gar nichts Ungewöhnliches, selbst einen Apfel mit Wurm zu essen. Ihr Standardsatz: "Da hast Du auch gleich ein paar Proteine genossen." Von dem, natürlich selbst gekochten, Quitten-Gele wurde das weiß-grüne Schimmelköpfchen weg geworfen und der Rest aufs Butterbrot gestrichen. Selbstverständlich immer nach einer eingehenden Prüfung. Und – was soll ich sagen: Oma Wolf wurde 97 Jahre alt! Und ich, ich lebe auch noch. Auch wenn ich in unserem Haushalt der „Sparfuchs“ und die „Reste-Esserin“ bin. Gut ist, das Heute, durch eingehende Forschung belegt, klar empfohlen wird, das Quitten-Gele mit Schimmelhaube nicht zu verspeisen und besser direkt zu entsorgen.



Vielleicht besser: statt MHD ein VERBRAUCHSDATUM?


Unter Verbraucherschützern und anderen Fachleuten wird diskutiert, ob es sinnvoller wäre, statt dem MHD ein „Verbrauchsdatum“ anzugeben. Gibt es wohl schon bei abgepacktem Hackfleisch.

Und das die Lebensmittelindustrie bei den Produkten, wo es sinnvoll ist, das MHD entsprechend verlängert. Würde das helfen? Und die Geld- und Essensverschwendung vermeiden? Ich bin da nicht sicher…


Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, das wir Menschen lernen, mehr nachzudenken und zu überlegen, was wir tun und warum. Und dabei den Verstand benutzen und unsere Sinne zur Hilfe nehmen.


Nur fehlt mir eine Idee, was ich mit den klitzekleinen weißen Hubbeln an der Himbeere mache???

Hast Du da einen Tipp?




Du willst mehr zum Thema MHD und Verbrauchsdatum erfahren? Schau' mal hier bei der Verbraucherzentrale oder beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.


P.S.: Mein Lieblingsmensch hat mir ausdrücklich und mit einem Lachen die Veröffentlichung dieses Textes erlaubt!




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